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Spanische Literaturpreise : Ein bisschen Ruhm darf schon sein

Der Schriftsteller Cees Nooteboom bei der Arbeit: Signieren für die Fans Bild: dpa

Der Niederländer Cees Nooteboom erhält den Formentor-Preis: Blick in die Geschichte einer Auszeichnung aus einer anderen Welt

          3 Min.

          Cees Nooteboom, der niederländische Schriftsteller und ewige Nobelpreiskandidat, hat in der vorigen Woche den mit 50 000 Euro dotierten Formentor-Preis zugesprochen bekommen, und wenn man sich fragt, ob ein so häufig ausgezeichneter Mann von mittlerweile 86 Jahren eine solche Auszeichnung wirklich noch braucht, könnte man über mancherlei ins Grübeln kommen – über das Geld zum Beispiel, das Alter oder den Überdruss des lesenden Publikums. Aber vielleicht fängt man am besten mit dem Nimbus dieses Preises an, der coronabedingt erstmals in einer Online-Jurysitzung verliehen wurde.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der Prix Formentor, wie er seinerzeit hieß, ging in den sechziger Jahren aus literarischen Kolloquien hervor, die der junge katalanische Verleger Carlos Barral ins Leben gerufen hatte, um Frischluft in die Kulturszene Franco-Spaniens zu bringen. Das Preisgeld, das von 1961 an vergeben wurde, stammte von internationalen Verlegergrößen wie George Weidenfeld, Gaston Gallimard, Giulio Einaudi und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, weshalb die Auszeichnung auch „Verlegerpreis“ hieß. Sie wurde in zwei Sparten vergeben, einer eher kommerziellen und einer (internationalen) „künstlerischen“. Entschieden wurde dieser zweite Wettbewerb von jeweils fünfköpfigen Jurys aus sechs Ländern – Kritikern, Professoren, Schriftstellern –, die sich zwei Tage lang am Kap Formentor auf Mallorca trafen und am Ende einen Preisträger kürten, der die damals beträchtliche Summe von 10 000 Dollar erhielt. Der tiefere Sinn des Preises bestand darin, für ein Werk anspruchsvoller, ja avantgardistischer Literatur zu werben.

          Die Kriterien des Preises machten die Wahl nicht leicht. Bekannt sollte der Preisträger sein, aber nicht weltbekannt. Gereift, aber nicht steinalt. Mit einem substantiellen Werk im Rücken, doch nicht kurz vor dem Verstummen. Eine Reportage im „Spiegel“ hat 1961 beschrieben, wie das vor sich ging: Dreißig Männer hockten in einem Hotelsaal am Meer, keine Frau weit und breit, und draußen drückten sich die Verleger (keine Verlegerin) die Nasen platt, um zu erfahren, ob ihr favorisierter Kandidat (keine einzige Kandidatin) sich durchsetzte oder nicht. Einige der gehandelten Namen: Max Frisch, Henry Miller, Saul Bellow, Alain Robbe-Grillet und Carlo Emilio Gadda. Der Zufall wollte es allerdings, dass 1961 zwei Autoren besonderen Kalibers in der Kritikergunst Kopf an Kopf lagen: Samuel Beckett und Jorge Luis Borges. Wenig überraschend war wohl auch, dass Italien, Frankreich und Spanien für Borges stimmten, England, Amerika und Deutschland dagegen für Beckett. Das 3:3-Unentschieden konnte nicht aufgelöst werden, weder im zweiten Wahlgang noch im fünften. So hatte die erschöpfte Jury ein Einsehen und teilte den Preis. Für den Argentinier Borges, bis dahin ein literarischer Geheimtipp, begann damit eine Weltkarriere.

          Wappentier des internationalen Schreibens

          Dem Franco-Regime war die Veranstaltung ein Dorn im Auge; kommende Treffen mussten in verschiedenen Ländern stattfinden, und sechs Jahre später war der renommierte Preis wieder verschwunden. Erst 2011 wurde er reaktiviert. Abermals traf sich eine – deutlich reduzierte – Jury auf Mallorca am Kap Formentor, vier Männer, eine Frau. Das Geld kam diesmal jedoch nicht von Verlegern aus den großen europäischen Kulturnationen, sondern von zwei spanischen Hotelketten. Noch etwas anderes war in der Zwischenzeit geschehen: Literaturpreise waren unwiderruflich zum Teil des Verlagsmarketings geworden. Hinzu kam der lokale Sprachpatriotismus. In den ersten fünf Jahren zeichnete der neue Formentor-Preis nur Autoren Spaniens und Lateinamerikas aus. Erst die folgenden fünf Preisträger internationalisierten das Feld. Annie Ernaux, die erste und bisher einzige Frau unter den Gewinnern, erhielt den Formentor-Preis 2019.

          Hält man sich die wechselhafte Geschichte der Auszeichnung vor Augen, gehört der frischgekürte Nooteboom zu den interessanteren Preisträgern. Der Tiefpunkt war wohl im Jahr der Neubegründung 2011 erreicht, als mit dem Mexikaner Carlos Fuentes ein sattsam arrivierter, aber ästhetisch völlig erschöpfter Künstler eine Menge Geld nachgeworfen bekam, das andere dringender gebraucht hätten. Nooteboom dagegen könnte als Wappentier jenes Internationalismus durchgehen, der seinerzeit bei der Preisgründung Pate gestanden hat: ein neugieriger, europäisch denkender, unerschöpflich reisender Schriftsteller, der in vielen Genres und mehreren Ländern beheimatet ist. Ob er, seine Freunde und Leser im September wieder nach Mallorca reisen dürfen, allein das ist jetzt die Frage.

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