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Büroliteratur : Arbeiten in der Terrorzelle

Sie zerschlagen Firmen, spekulieren gegen Staaten und Kontinente, vor allem aber terrorisieren sie sich selbst: Menschen im Büro, 2012 Bild: plainpicture/Scanpix

Eine Flucht aus der Unfreiheit des Arbeitsplatzes ist in der Welt, in der wir heute leben, nicht möglich. Unsere Büros kommen in der Literatur dieses Frühjahrs nicht gut weg.

          6 Min.

          Büros sind moderne Terrorzellen. Denn all die Wetten der Finanzmärkte, die gegen Staaten abgeschlossen werden, die ruinösen Spekulationen und irrationalen Entscheidungen, die unsere Zukunft bedrohen - sie werden schon lange nicht mehr auf dem Parkett der Börsen gefällt. Sie kommen aus Büros in London, New York, Frankfurt am Main oder aus denen der Offshore-Finanzplätze wie den Kaimaninseln in der Karibik. In diesen Büros - klimatisiert, mit feiner Adresse und ausgesuchtem Design - bestimmen Investmentbanker, Hedgefondsmanager, Angestellte von Rating-Agenturen und Zocker unsere Wirklichkeit. Und als wenn das nicht schon genug wäre, sitzen wir zur selben Zeit mit dreißig Millionen anderen Deutschen in unseren eigenen Bürozellen und terrorisieren uns untereinander. Mobbing, Selbstoptimierung, Coaching und Burnout nennen wir das.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieser Hölle entkommt man nicht. Schon gar nicht in der Literatur dieses Frühjahrs. Die Bücher nämlich, die man jetzt lesen kann, sind voller Controller, Versicherungsvertreter und Zwangsneurotiker. Es sind Bücher aus der bösen Welt der Angestellten, in denen mutwillig Abhängigkeitsverhältnisse eingegangen werden (die Affäre mit dem Vorstand), Belohnungsrituale ausgekostet (der Bordellbesuch für die männliche Belegschaft nach dem „Ergo“-Prinzip) und in denen die Angst vor der Entlassung den eigentlichen Leistungsantrieb darstellt.

          Orte der Unfreiheit

          Wer in der letzten Zeit den Eindruck hatte, das Angestelltenbüro sei vom Aussterben bedroht, es sei altmodisch und over, weil die jungen Kreativen der digitalen Boheme sich über den „unflexiblen Menschen“ erhoben und die postbürokratische Ordnung jenseits der Festanstellung ausriefen, der wird jetzt ohne jede Romantik in die Normalität des Büroalltags zurückkatapultiert. Um „Co-Working Places“ in wechselnden „Teamkonstellationen“ geht es nicht. Es geht auch nicht um die „Home-Office“- Konzepte, Video- oder Skype-Konferenzen avancierter Unternehmen, die es den Angestellten erlauben, zu Hause zu bleiben. Es geht um Büros als Orte der Unfreiheit. Die meisten Menschen arbeiten genau da.

          Was sind das also für Bücher? Gleich zwei Angestelltenromane stehen auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. Es sieht in ihnen und auch sonst überhaupt nicht gut aus für die Angestellten: In Thomas von Steinaeckers „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ wird die Versicherungsvertreterin eines großen Münchner Unternehmens mitsamt ihrer ganzen Abteilung wegrationalisiert. Jens Sparschuhs „Im Kasten“ lässt den dem Ordnungswahn verfallenen Mitarbeiter einer Firma für Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme in eine Zwangsjacke stecken. Christoph Bartmann, Leiter des Goethe-Instituts in New York und „Angestellter aus Leidenschaft“, wie er sich nennt, hat einen Essay über das „Leben im Büro“ geschrieben, den er gut gelaunt mit dem Protokoll eines seiner Bürotage beginnt, um eine niederschmetternde Analyse des Büros von heute folgen zu lassen. Alain de Botton besucht in seinem Reportagebuch über die „Freuden und Mühen der Arbeit“ ein Büro für Wirtschaftsprüfung, in dem der Arbeitsbeginn das „Aus für die Freiheit“ bedeutet.

          Die Zielvereinbarung im Nacken

          Und wie es aussieht, wird es so weitergehen: Gerade sitzt Ulrich Blumenbach an der Übersetzung des nachgelassenen Romanfragments von David Foster Wallace, „The Pale King“, über den Alltag in einer Steuerbehörde der amerikanischen Provinz, deren fünfstöckige Fassade das Mosaik eines Einkommensteuererklärungsformulars zeigt; die Kästchen zum Ankreuzen dienen als Fenster. Im Juli schließlich soll Rainald Goetz’ ungeduldig erwarteter „Johann Holtrop“ erscheinen, laut Suhrkamp-Verlag ein Roman über einen Vorstandsvorsitzenden in Deutschland in den nuller Jahren, Herr über 80000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von fast zwanzig Milliarden weltweit, den Egomanie, die Verachtung der Arbeit, die Verachtung der Gegenwart und die Verachtung des Rechts ins wirtschaftliche Aus und gesellschaftliche Nichts abstürzen lassen.

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