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Büroliteratur : Arbeiten in der Terrorzelle

Es ist dabei sicher kein Zufall, dass es in diesen Büchern um Angestellte aus allen Etagen geht (selbst der Vorstandsvorsitzende ist ja ein Angestellter seines Unternehmens). Denn die Angestelltenkultur der Gegenwart hat sich in eine Kultur des Managertums verwandelt: „Aus Behörden sind Agenturen geworden und aus Beamten und Angestellten, zumindest auf dem Papier, unternehmerisch handelnde Subjekte“, schreibt Christoph Bartmann. „Eines dieser Subjekte bin ich. Ich bin, ohne gefragt worden zu sein, zum Manager geworden. Wir alle sind Manager geworden.“

Das bedeutet, dass es sich bei Menschen im Büro schon längst nicht mehr um eine fremdbestimmte Masse von Befehlsempfängern handelt, die pflichterfüllt abarbeitet, was ihnen aufgetragen wird. Die gibt es zwar auch noch. Sie gibt aber nicht den Ton an. Die neuen Angestellten sind „Virtuosen des Selbstmanagements, flexibel und hochmotiviert“. Sie sind freiwillige Selbstoptimierer, denen ständig eine Zielvereinbarung mit sich selbst im Nacken sitzt. Sie steuern sich selbst, in aller Regel sogar gut, im Einklang mit den Zielen der Organisation, weil sie diese Ziele ja selbst formuliert und vereinbart und ihnen auf der anderen Seite des Verhandlungstisches selbst zugestimmt haben. „Kein autoritärer Chef nötigt uns, die Dinge zu tun, die wir tun, wir nötigen uns selbst“, schreibt Christoph Bartmann in seinem lesenswerten Buch und endet mit einer brutalen Einsicht: „Nie waren wir so frei im Büro, und nie zuvor waren wir so dressiert.“

Die Devise lautet: Übererfüllung

Das verändert auch die Situation der Angestelltenliteratur. Die Bürogestalten, die die Literatur des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts hervorgebracht hat, bei Georg Kaiser, Robert Walser oder Fernando Pessoa, waren Männer ohne Qualitäten und Besonderheiten, Wesen ohne Botschaft, durch die alle Aufträge hindurchgingen. Es waren „Angestellte“, die, wie Siegfried Kracauer es formuliert hat, „von sich nicht sprechen können“ und deren Gesichtsfarbe man sich immer leitzordnergrau vorstellte.

Interessanterweise hieß das nicht, dass sie ohne subversives Potential und ohne Macht waren. Herman Melvilles Schreiber „Bartleby“ führt das mit seinem berühmten Arbeitsverweigerungssatz „I wouldprefernot to“, ich möchte lieber nicht, genauso vor wie Sekretärinnen, die entscheiden, wer zum Chef durchkommt und wer nicht - und darin an den Türhüter in Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ erinnern, bei dem man vergeblich um Einlass bittet: „Es ist möglich“, heißt es da, „jetzt aber nicht.“ Und: „Wenn es dich so lockt, versuche, trotz meines Verbots hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig.“

In der Büroliteratur der Gegenwart ist es genau umgekehrt: Renate Meißner, die Heldin der Selbstoptimierung aus Thomas von Steinaeckers Roman „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“, stellvertretende Abteilungsleiterin im Versicherungskonzern CAVERE, 42 Jahre alt, die sich mit Medikamenten fit hält, in Statistiken oder Kausaldiagrammen aus Lebenslogikseminaren denkt und sich selbst Managerin nennt, trägt nicht grau, sondern Chanel und Salvatore Ferragamo. Sie weiß sich zu präsentieren und zu verkaufen, wie es Berater und Coaches Arbeitnehmern als unbedingtes Muss nahelegen. Jeden Tag schreibt sie sich eine E-Mail mit einer „Performance-Eigenevaluation“, in der sie sich Punkte gibt. Dafür ist von Subversion keine Spur. Im Gegenteil. Innerhalb der Optimierungslogik würde sich eine Geste der Weigerung oder der Blockade ja gegen einen selbst richten. Die Devise lautet: Übererfüllung.

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