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Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff : Bis aufs Messer komisch

Die Bibliothek Suhrkamp lauert links: Sibylle Lewitscharoff Bild: Antje Berghäuser / Laif

Sibylle Lewitscharoff erhält den diesjährigen Georg-Büchner-Preis: Eine exzellente Entscheidung für die Literatur und natürlich für den Suhrkamp Verlag. Aber die Akademie handelt sich keine pflegeleichte Gewinnerin ein.

          Was hat es zu sagen, wenn der Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die wichtigste deutschsprachige Literaturauszeichnung, in diesem Jahr an eine Suhrkamp-Autorin geht? Nun, Sibylle Lewitscharoff ist in jeder Hinsicht alles andere als eine Gefälligkeitspreisträgerin, aber wenn gemunkelt wird, dass am Ende gleich drei Suhrkamp-Autoren das Rennen unter sich ausgemacht haben sollen, dann spricht das auch für die Bedeutung eines Verlags, der derzeit bedauerlicherweise meist mit anderem im Gespräch ist als mit seiner Literatur.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sibylle Lewitscharoff, geboren 1954 in Stuttgart, ist erst seit 2009 bei Suhrkamp; sie kam also, als die Eigentümerkrise schon schwelte. Aber das hielt sie nicht ab, denn hier gehörte sie hin, an die Seite der Bücher von Thomas Bernhard und Peter Sloterdijk, Hans Blumenberg und Peter Weiss, all jener kompromisslosen Autoren unbedingter Subjektivität also, die der Welt keinen Spiegel vorhalten, sondern ihr eigenes Weltbild. In ihrer Frankfurter Poetikvorlesung hat Sibylle Lewitscharoff 2011 den eigenen Nachnamen so gedeutet: „Weil das Levitenlesen zu Hause ein gebräuchlicher Ausdruck war, der mich schon als Kind fasziniert hat, sah ich mich durch meinen Namen recht bald zum Levitenlesen aufgefordert.“ Und das tut sie gern, wovon jeder Zeugnis ablegen kann, der sie schon einmal hat reden hören. Der schwäbische Zungenschlag tut das Seine dazu. Zurückhaltung oder Diplomatie sind Lewitscharoffs Sache jedenfalls nicht: Nur keine Sentimentalitäten! Noch im vergangenen Jahr soll diese Offenherzigkeit sie bei ihren Akademiekollegen den bereits damals für sicher gehaltenen Büchnerpreis gekostet haben.

          Schreibende, sprechende und bildende Künstlerin

          Dass sie die Auszeichnung nun doch schon im Folgejahr erhält, zeigt, dass an Sibylle Lewitscharoff literarisch kein Weg vorbeiführt. Seit „Pong“, dem schmalen Text ohne Gattungsbezeichnung aus dem Jahr 1998, mit dem sie damals den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann, kennt man die Autorin als eine Furorformalistin. Pong, diese „Singularperson“, wie seine Autorin ihn mit erkennbarer Sympathie nennt, „kommt nicht durch gewöhnliche Vermehrung in die Welt, sondern auf dem Wege der Vermehrung durch Entzweireißen“. Seine Existenz beruht auf gewaltsamer Zerteilung und Zusammenführung, dem Prinzip der Collage, die Sibylle Lewitscharoff neben dem Schreiben zu ihrer bevorzugten Ausdrucksform gewählt hat.

          Es ist bezeichnend, dass sie auch eine bildende Künstlerin ist, nicht nur eine schreibende und sprechende. Schon ihr erstes Buch, „36 Gerechte“, in winziger Auflage 1994 erschienen, wurde begleitet von eigenen Scherenschnitten. Die meisten ihrer Titelbilder stammen aus der heimischen Werkstatt, und ihren „Höflichen Harald“ von 1999, jene ebenso danteske wie swiftsche Abenteuerreise eines träumenden Knaben à la „Little Nemo“ (Lewitscharoff verfügt souverän über Motive und Motivationen der Weltliteratur), hat sie gar zur Gänze illustriert. Aus ihren Büchern spricht ein unbedingter Gestaltungswille: die Welt als Wille und Vollstreckung.

          Bilderstrecke

          Das hat Lewitscharoff zu einer Zentralgestalt der deutschen Literatur gemacht. Sie gehört zu den sowohl engagierten als auch enragierten Vertretern ihrer Zunft. So lädt sie etwa jährlich Schriftsteller und Kritiker ins Literaturhaus Hamburg zu den „Hamburger Begegnungen“ ein, mit denen gesellschaftspolitischer und ästhetischer Anspruch der Literatur gleichermaßen behauptet werden sollen.

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