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Bücherwelt : Neue Stufe im Streit um Thor Kunkels „Endstufe“

Thor Kunkels „Endstufe” im Rowohlt-Entwurf Bild: Rowohlt

In einem „Spiegel“-Artikel wird Verleger Alexander Fest mit den Worten zitiert, er halte Thor Kunkel für "die Wiedergeburt Parzivals als rechter Schläger". Der Autor wehrt sich gegen die Vorwürfe.

          Niemand weiß, in welcher Form Thor Kunkels umstrittener Roman "Endstufe" erscheinen wird. Der Rowohlt Verlag, der das Buch ursprünglich publizieren wollte, hat die Zusammenarbeit mit dem Autor vor kurzem überraschend aufgekündigt, wenige Wochen vor dem geplanten Erscheinen des Buches im März. Die Brisanz des unappetitlichen Stoffes, es geht über weite Strecken um die Produktion von Pornofilmen durch Angestellte eines "SS-Hygiene-Instituts", und Differenzen mit dem Autor in "inhaltlichen und ästhetischen Fragen" hatten Alexander Fest bewogen, in letzter Minute die Notbremse zu ziehen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Eichborn Berlin, Kunkels neuem Domizil, soll die dringend nötige Lektoratsarbeit bereits begonnen haben. Ob die Mühe lohnt, ob Kunkels heikler Versuch, eine amoralische NS-Clique von Pornoproduzenten aus der Binnenperspektive zu schildern, überhaupt gelingen kann, bleibt abzuwarten. Zweifel sind jedenfalls angebracht.

          Peinlich für den Verlag, existenziell für den Autor

          Deshalb ist Alexander Fests Entscheidung gegen den Roman auch in der Sache nicht zu kritisieren. Selbstverständlich kann ein Verleger einen Vertrag lösen, wenn er schwerwiegende moralische und ästhetische Bedenken hegt. Fest hat nicht willkürlich gehandelt. Daß nicht er, sondern sein Vorgänger Peter Wilfert Kunkel verpflichtet hat, daß es im Lektorat Bestrebungen gab, Kunkel zu halten, daß Fest Kunkel womöglich zunächst jene Sicherheit vermitteln wollte, die ein Autor braucht, wenn er sich in künstlerischer Absicht auf dünnstes Eis begibt - all dies mag dazu beigetragen haben, daß Fest seine Entscheidung später getroffen hat, als es für den Verlag und seinen Autor gut war. Für Stil und Zeitpunkt seiner Entscheidung mußte er Kritik über sich ergehen lassen.

          Wenn ein Verlag einen Autor in der eigenen Vorschau so vollmundig und reißerisch ankündigt, wie dies im Fall Kunkels geschehen ist, und ihn wenig später hinauswirft, ist der Skandal unausweichlich. Nach seinem Eintreten konnte es nur noch darum gehen, den Schaden für beide Seiten möglichst gering zu halten. Zunächst schien dies durchaus möglich. Denn während Kunkel sich bitter über seinen Verlag beklagte, Interviews gab und zuließ, daß im Fernsehen aus Briefen Fests an ihn zitiert wurde, wollte der Verleger den Vorgang klugerweise nicht näher kommentieren. Dafür gab es einen guten Grund. Fest hat ihn selbst genannt: Er äußere sich nicht weiter, "um seinen Autor nicht noch mehr zu beschädigen". Fest weiß, daß die Institution, der Verlag, immer stärker ist als der Einzelne, der Autor. Für ein Haus wie Rowohlt ist der Vorwurf, eine in der Sache vertretbare Entscheidung verspätet und in ungeschickter Form getroffen zu haben, ärgerlich, wohl sogar peinlich. Wirklich bedrohlich ist er nicht. Einen Autor hingegen kann es seine Existenz kosten, wenn er in die Nähe des Rechtsextremismus gerückt wird.

          Die Attacke des Verlegers

          Jetzt hat Fest seine anfängliche Zurückhaltung jedoch nicht nur aufgegeben, sondern die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. In der jüngsten Ausgabe des "Spiegel" attackiert Fest seinen ehemaligen Autor mit ungewöhnlicher Schärfe. Die Vorwürfe des Verlegers gipfeln in der Behauptung, Kunkel sei ein "Rasender", "die Wiedergeburt Parzivals als rechter Schläger". Das ist an Schärfe nicht mehr zu überbieten. In der offiziellen Programmvorschau des Verlags, die zum Jahresende verschickt wurde, wird Kunkel noch als "illusionsloser Aufklärer" angepriesen. Hat Kunkel sich innerhalb weniger Wochen derart fundamental verändert? Wohl kaum.

          Henryk M. Broder, der Verfasser des Artikels, schildert, wie Fest ihm Passagen aus einer sogenannten "Beischrift" Kunkels vorliest. Dabei soll es sich um einen "Werkstattbericht" handeln, in dem Kunkel Verlauf und Ergebnisse seiner Recherchen und sonstige Reflexionen festgehalten habe. Das Konvolut, das Fest laut Broder "nicht aus der Hand gibt, wenn er daraus vorliest", enthalte gewichtige "Informationen". Dann folgt ein Zitat: "Wie oft hat Deutschland schon der Verbrechen des Nationalsozialismus gedacht? Es macht nicht den Anschein, als hätten die Juden vor zu vergeben . . . Eine Nation, die dem Kindergarten entwachsen ist, läßt sich nicht von Gräuelmärchen erschrecken." Soweit das Zitat, das seinen Urheber als Revisionisten, wenn nicht gar als Auschwitzleugner dastehen läßt. Broder ordnet den Satz Kunkel zu: "Für solche Sätze kann die Unschuldsvermutung der Rollenprosa nicht gelten. Der Subtext wird zum Klartext."

          Gestrichene Passagen gegen den Autor verwendet

          Thor Kunkel hat gegenüber der F.A.Z. erklärt, das Zitat stamme aus einer früheren Fassung des Romans. Er habe als "eine Art Klammer" den Bericht eines fiktiven Journalisten geschaffen, der die Geschichte der NS-Pornographie recherchiere. Aus diesen "längst verworfenen" Passagen habe Fest zitiert und dem Autor in den Mund gelegt, was dieser als Figurenrede niedergeschrieben hatte. Ihm sei "unbegreiflich", wieso Fest diese in einem Gespräch im Juni letzten Jahres gemeinsam aus dem Romanmanuskript gestrichenen Passagen jetzt "aus dem Papierkorb heraufholt und mir in den Mund legt". Daß ein Verleger aus einer gestrichen Manuskriptpassage zitiert, um seinen Autor zu diskreditieren, hält Kunkel für unredlich: "Ich finde Alexander Fests Verhalten grauenvoll." Fest räumt im Gespräch ein, daß sein Vorgehen nicht den Verlagsusancen entspricht und gibt den Vorwurf zurück: "Thor Kunkel hat das Vertrauensverhältnis als erster zerstört."

          Endstufe? Ja, leider. Denn schlimmer kann die Form, in der hier im Namen der Literatur gestritten wird, nicht mehr werden. Sie läßt den Betrachter fassungslos zurück.

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