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Büchersammler II : Verstehen ist etwas sehr Relatives

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„Kinder sind undurchdringlich, selbst die eigenen“: Gundel Mattenklott zu Hause in ihrer Bibliothek mit einem Ausklappbuch von Květa Pacovská. Bild: Matthias Lüdecke

Seit Jahrzehnten sammelt Gundel Mattenklott Kinderbücher. In der Bilderbuch-Bibliothek der Professorin für Musisch-Ästhetische Erziehung haben die wildesten Kinderträume Platz.

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          Im Eingangsbereich der hellen Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf liegt ein Haufen Kinderbücher. Sie habe gerade mal wieder aussortiert, sagt Gundel Mattenklott entschuldigend, die Bände seien nur noch nicht abgeholt worden. Dass sie sich die Entscheidung, was geht und was bleiben darf, keineswegs leichtmacht, zeigen die dicht gefüllten Bücherregale in allen Zimmern, in denen sich Gundel Mattenklotts vielseitige Interessen ebenso spiegeln wie die ihres 2009 gestorbenen Mannes, des Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott.

          Eine Sammlerin im eigentlichen Sinne, also mit Besitzanspruch, Jagdinstinkt und auf Komplettierung eines Gebietes erpicht, sei sie nicht, sagt die zierliche Frau gleich zu Beginn. Weder stöbere sie in Katalogen noch in Antiquariaten. Ihre beachtliche Kinderbuchsammlung ist vielmehr das Ergebnis einer seit Jahrzehnten währenden Beschäftigung, ihre Arbeitsgrundlage. Rezensionsexemplare machen einen Großteil des Bestandes aus. Die kamen ins Haus, nachdem 1989 ihr Buch „Zauberkreide“ erschien, ihre Untersuchung der Kinderliteratur seit 1945. Der Band fand nicht nur ein großes Publikum, sondern etablierte die Berlinerin auch als eine Instanz in Sachen Kinder- und Jugendliteratur. Über Jahrzehnte hinweg erschienen ihre Besprechungen von Neuerscheinungen auch in diesem Feuilleton.

          Kaum noch ein Kinderbuch ohne Tod

          Angesprochen auf den altmodisch schönen Titel einer Professorin für Musisch-Ästhetische Erziehung, lacht Gundel Mattenklott. Den gebe es nur noch an der Universität der Künste, die 1980 einige Fachbereiche der aufgelösten Pädagogischen Hochschule aufnahm. „MÄErz“ wurde zu einem nur in Berlin existierenden Fachgebiet der Grundschulpädagogik, das Kinder mit der Welt der Künste, ihren Verflechtungen und Formensprachen vertraut machen soll, und zwar sowohl in Rezeption wie auch in der eigenen Produktion. Was dieses ungewöhnliche, unmittelbar ansprechende und auf Beteiligung setzende Unterrichtskonzept ausmacht, zeigt Gundel Mattenklott, indem sie einige Bände der Schulbuchreihe „Unterwegs zur Welt“ hervorholt, die sie Ende der neunziger Jahre zusammen mit dem Künstler Nikolaus Heidelbach im Verlag Volk und Wissen herausbrachte. Wer darin blättert, kommt aus dem Staunen nicht heraus – über die großartigen Einfälle und Ideen ebenso wie über den Umstand, dass das Projekt nur kurzlebig war. Denn auf den klar strukturierten Seiten wird nicht von oben herab irgendein Wissen vermittelt, sondern Bilder und Texte setzen ganz auf die natürliche Neugier der Kinder. Es sind Bücher, die Lust darauf machen, die Welt zu verstehen und sich in ihr zu verorten.

          Eines der Kinderbuchregale von Gundel Mattenklott.

          Die Lust am Lesen und am Schauen, die jedes Kind kennt, erfuhr die 1945 geborene Gundel Mattenklott in ihrer Jugend intensiv, als in ihrer Wilmersdorfer Nachbarschaft – ihrem Kiez ist sie ein Leben lang treu geblieben – eine neue Schule eröffnete und mit ihr eine Kinderbücherei. „Lesen war für uns die wichtigste Freizeitbeschäftigung. Man hatte damals nicht viele Bücher, aber die, die man besaß, waren Lieblingsbücher, die wieder und wieder gelesen wurden.“ Karl May lag ihr nicht, umso mehr schwärmte sie für Reisebücher wie Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“ und „Monika fährt nach Madagaskar“ von Max Mezger. Johanna Spyri hingegen, die in den fünfziger Jahren weit verbreitet war, habe sie zwar gelesen, aber nicht so gemocht. „Da sterben die Kinder so viel, das ist alles ein bisschen schwindsüchtig. Wobei: Heute kommt ja kaum noch ein Kinderbuch ohne Tod aus. Da frage ich mich dann, wer will das wirklich lesen, die Erwachsenen oder die Kinder?“

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