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„Scherbenpark“ : Den Mörder ihrer Mutter behält sie im Blick

Sascha (Jasna Fritzi Bauer) passt weder in die Hochhaussiedlung noch ins bürgerliche Idyll. Bild: SWR

Wunderbar rotzig erzählte der Roman „Scherbenpark“ die Story der jungen Sascha, wieso klappt das im Film nicht?

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          Angenehm rotzig las sich das Debüt „Scherbenpark“ der jungen Schriftstellerin Alina Bronsky, ein bisschen altklug, was nichts ausmachte, und gegen alle Striche gebürstet. Diese junge russischstämmige Sascha, deren Mutter ermordet wurde und die seitdem mit ihren kleinen Geschwistern und der Tante Mascha in einer Hochhaussiedlung von erlesener Trostlosigkeit vor sich hinlebt, den Haushalt zusammenhält, von morgens bis abends liest und ansonsten ziemlich unterhaltsam schlechte Laune hat, war eine wunderbare Erzählstimme, der man gern durch den Roman folgte.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun zeigt der SWR in seiner Reihe „Debüt im Dritten“ eine Verfilmung der jungen Regisseurin Bettina Blümner, die den Stoff leider um genau diese Rotzigkeit bringt, die man an dem Buch schätzte. Schon wenn diese nachdenklich gestimmte Gitarrenmusik einsetzt, die anscheinend unabwendbar zum deutschen Fernsehspiel der letzten vierzig Jahre gehört, ahnt man, was gleich kommt: ein Film, der ständig in diesem Mitteltempo verharrt und mittelschnell und mittellaut und mittelbunt ohne besondere Höhepunkte die Geschichte von Saschas Erwachsenwerden vor sich hin erzählt. Die Geschichte war aber nie das Wichtigste an „Scherbenpark“, denn das Wichtigste war der Ton.

          So wird die ganze Last den Schauspielern aufgebürdet: der wirklich großartigen Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle, die als widerborstige Sascha die Mission verfolgt, ihren Stiefvater und Mörder ihrer Mutter umzubringen, und sich nicht darum schert, wie sie auf andere wirkt; Ulrich Noethen als Lokalzeitungsredakteur Volker Trebur, der einen Artikel verantworten muss, der Vadim als reuigen Sünder zeichnet, und es ehrlich bereut; und Max Hegewald als seinem Sohn Felix, der sich fröhlich gibt und nicht nur an einer schweren Lungenkrankheit leidet, sondern auch an Sehnsucht nach der unergründlichen Sascha.

          Scheibenheizung im Passivhaus

          Diese Sascha betritt staunend das bürgerliche Paradies der beiden - die Eltern leben getrennt -, das mit einem Satz schon umrissen ist: „Mach die Scheibenheizung an, wenn du duschst, das ist hier ein Passivhaus!“ Das Design ist aufwendig, die Kaffeemaschine rückt beiläufig als Chrommonstrum ins Blickfeld, der Pool öffnet sich zum Garten hin. Wie man es als Zeitungsredakteur jemals zu einem solchen Luxusbungalow bringen kann, ist uns ehrlich gesagt unklar, jedoch passt das Bild.

          Sehr viel weniger exakt gezeichnet ist leider die Umgebung Saschas, der Scherbenpark mit seinen traurigen Schaukeln und öden Tischtennisplatten, auf denen nie Tischtennis gespielt wird. Es ist eine angestaubte Tristesse, wie man sie aus Sozialdramen der siebziger Jahre kennt, mit einem schnauzbärtigen Kioskbesitzer im schmutzfarbenen Rollkragenpullover, der allen Ernstes noch vom Zeitungs- und Fruchtgummiverkauf lebt und nicht von Mobilfunkkarten; mit Jugendlichen, die auf den Tischtennisplatten abhängen und dabei rätselhafterweise keine Musik auf dem Handy hören, als gäbe es das noch nicht. Hier, so scheint es, kennen sich die Macher des Films längst nicht so gut aus wie in der Einfamilienhaussiedlung in der Vorstadt, hier müssen sie sich auf das verlassen, was das Buch bietet. Das hat auch den Effekt, dass sie dem Passivhaus durch genaue Beobachtung und treffsichere Dialoge viel mehr Komik abgewinnen können als der Betonsiedlung, was schade ist. Denn gerade diese den meisten von uns unbekannte Welt war es doch, die wir Leser des Buches staunend betraten und in der uns Sascha eine zuverlässige Führerin war.

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