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„Afropessimism“ : Die Anti-These zum Menschen

Kein Entrinnen aus der ewigen Sklaverei: Bestrafung eines versklavten Jungen, Sansibar, 1890. Bild: Picture-Alliance

Wie man ohne Hoffnung Kritik denkt: Ein Gespräch mit dem amerikanischen Philosophen Frank Wilderson III über den „Afropessimismus“ – und das Leben in einer Unterdrückung, die keine Versöhnung kennt.

          5 Min.

          Was bedeutet es, ein „Afropessimist“ zu sein?

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Afropessimismus ist zuerst und vor allem eine Form der Kritik, wie eine optische Linse: ein Mittel zur Interpretation. Es ist eine Theorie. Nehmen Sie Marx. Er hatte zuerst Einwände gegen Hegels Dialektik. Also nimmt er eine radikale Kritik vor, eine rigorose Exegese der inneren Widersprüche dieses Wissenskorpus und macht daraus seine Kritik der politischen Ökonomie. Afropessimismus begann als eine weiterführende Kritik der Behauptungen von Marxismus, Feminismus, Postkolonialismus, Indigenismus. Diesen unterschiedlichen Ismen ist eines gemeinsam: Sie alle sprechen vom „human being“ als einem essentiellen Wesen. Wie Sie aus der Semiotik wissen, beziehen aber Wörter ihre Bedeutung nur aus anderen Wörtern. Sie haben keine organische Beziehung zur materiellen Welt. Jeder kritische Theoretiker weiß das und bezieht dieses Wissen auf jedes Wort – außer auf das Wort „human“. Da soll es plötzlich anders sein. Als hätte das Wort „menschlich“ tatsächlich eine organische Verbindung zum Menschen. Aber auch das Wort „menschlich“ bedeutet nur etwas in Beziehung zu zweierlei: nämlich, einfach ausgedrückt, zu etwas, das ist wie es selbst, und zu jenem, das anders ist. Ohne diese Beziehung von Ähnlichkeit und Unterschied hätte das Wort „human“ keine strukturelle Kohärenz.

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