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Literatur-Übersetzungen : Weltweiter Prinz

Einsamer Spitzenreiter, wenn es um Übersetzungen geht: „Der kleine Prinz“. Bild: dpa

Eine Studie untersucht, welche Bücher in den meisten Fremdsprachen verbreitet worden sind. Und wirft methodische Fragen auf.

          2 Min.

          Taras Schewtschenko bekam als ukrainischer Leibeigener eines russischen Provinzadligen zu spüren, was eine solche Position bedeutete – bis hin zu Peitschenhieben, die ihm verabreicht wurden, als er verbotenerweise Lithographien im Haus seines Herrn kopierte. Erfahrungen wie diese mögen eine gewisse Unduldsamkeit in ihm befördert haben, wie sie aus seinem Gedicht „Sapowit“ („Vermächtnis“) spricht, in dem er 1845 das „Blut der bösen Feinde“ in den Dnepr und weiter ins Meer wünscht. Heute gilt der 1861 in Sankt Petersburg verstorbene Schewtschenko als ukrainischer Nationaldichter.

          Einen weiteren Titel erkennt ihm eine Studie der Lernplattform Preply zu: In mehr als 150 Fremdsprachen sei Schewtschenkos Gedicht übersetzt worden, was den Rekord in der ukrainischen Literatur bedeute. In anderen Ländern hätte schon eine wesentlich geringere Zahl an Übersetzungen für den jeweiligen Spitzenplatz gereicht: In Malta gelangt der 1961 verstorbene Priester Dun Karm mit Übersetzungen in gerade sechs Fremdsprachen auf den ersten Platz. Kristijonas Donelaitis („Die Jahreszeiten“) gelingt das in Litauen mit sieben und in Slowenien dem Autor Vitomil Zupan mit „Menuett für Gitarre“ und elf Einträgen – wenigstens die deutsche Verlagswelt, die beide Titel im Programm hat, muss sich hier keine Ignoranz vorhalten lassen.

          Ein Hobbit aus Südafrika?

          Am anderen Ende der Skala stehen etwa der „Don Quijote“ in Spanien (140 Sprachen), Andersens Märchen in Dänemark (160), „Alice im Wunderland“ in England (175), „Pinocchio“ (300) und einsam an der Spitze „Der kleine Prinz“ mit Übersetzungen in 382 Sprachen. Für diese Studie haben die Mitarbeiter, versichert Preply, „Such­ergebnisse aus zuverlässigen Quellen“ im Internet ausgewertet. Ausgeschlossen wurden religiöse Werke, „da sie oft nicht einem Autor(in) oder einem Land zugeordnet sind“.

          Gerade die Zuordnung von Autoren zu bestimmten Ländern überzeugt allerdings nicht völlig, wenn etwa Michael Ondaatje („Der englische Patient“, 30) die Liste Sri Lankas anführt, obwohl er dieses Land noch als Kind verließ und seit 1962 in Kanada lebt, dessen Staatsbürgerschaft er annahm. Gleiches gilt für J. R. R. Tolkien, dessen Geburtsland Südafrika sich deshalb mit dem „Hobbit“ schmücken darf (übersetzt in 59 Sprachen) – vielleicht hätte man eher die Autoren der Ausgangssprache, hier also Englisch, miteinander vergleichen sollen, statt sich offensichtlich an den Geburtsort zu halten. Und schaut man in den Wikipedia-Artikel zum Ukrainer Taras Schewtschenko, dann sind dort für „Vermächtnis“ bedeutend weniger Fremdsprachen genannt, in die das Gedicht übertragen ­wurde; eine der beiden Recherchegruppen muss sich gewaltig irren. Für Deutschland wird übrigens Patrick Süskind („Das Parfüm“, 49 Sprachen) zum Sieger gekürt – dabei sind allein für die Märchen der Brüder Grimm mehr als dreimal soviel Zielsprachen belegt*. Die Schweiz mit „Heidi“ (50) hat eine Zielsprache mehr. Wahrscheinlich Rätoromanisch.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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