https://www.faz.net/-gqz-agu58

Literatur-Übersetzungen : Weltweiter Prinz

Einsamer Spitzenreiter, wenn es um Übersetzungen geht: „Der kleine Prinz“. Bild: dpa

Eine Studie untersucht, welche Bücher in den meisten Fremdsprachen verbreitet worden sind. Und wirft methodische Fragen auf.

          2 Min.

          Taras Schewtschenko bekam als ukrainischer Leibeigener eines russischen Provinzadligen zu spüren, was eine solche Position bedeutete – bis hin zu Peitschenhieben, die ihm verabreicht wurden, als er verbotenerweise Lithographien im Haus seines Herrn kopierte. Erfahrungen wie diese mögen eine gewisse Unduldsamkeit in ihm befördert haben, wie sie aus seinem Gedicht „Sapowit“ („Vermächtnis“) spricht, in dem er 1845 das „Blut der bösen Feinde“ in den Dnepr und weiter ins Meer wünscht. Heute gilt der 1861 in Sankt Petersburg verstorbene Schewtschenko als ukrainischer Nationaldichter.

          Einen weiteren Titel erkennt ihm eine Studie der Lernplattform Preply zu: In mehr als 150 Fremdsprachen sei Schewtschenkos Gedicht übersetzt worden, was den Rekord in der ukrainischen Literatur bedeute. In anderen Ländern hätte schon eine wesentlich geringere Zahl an Übersetzungen für den jeweiligen Spitzenplatz gereicht: In Malta gelangt der 1961 verstorbene Priester Dun Karm mit Übersetzungen in gerade sechs Fremdsprachen auf den ersten Platz. Kristijonas Donelaitis („Die Jahreszeiten“) gelingt das in Litauen mit sieben und in Slowenien dem Autor Vitomil Zupan mit „Menuett für Gitarre“ und elf Einträgen – wenigstens die deutsche Verlagswelt, die beide Titel im Programm hat, muss sich hier keine Ignoranz vorhalten lassen.

          Ein Hobbit aus Südafrika?

          Am anderen Ende der Skala stehen etwa der „Don Quijote“ in Spanien (140 Sprachen), Andersens Märchen in Dänemark (160), „Alice im Wunderland“ in England (175), „Pinocchio“ (300) und einsam an der Spitze „Der kleine Prinz“ mit Übersetzungen in 382 Sprachen. Für diese Studie haben die Mitarbeiter, versichert Preply, „Such­ergebnisse aus zuverlässigen Quellen“ im Internet ausgewertet. Ausgeschlossen wurden religiöse Werke, „da sie oft nicht einem Autor(in) oder einem Land zugeordnet sind“.

          Gerade die Zuordnung von Autoren zu bestimmten Ländern überzeugt allerdings nicht völlig, wenn etwa Michael Ondaatje („Der englische Patient“, 30) die Liste Sri Lankas anführt, obwohl er dieses Land noch als Kind verließ und seit 1962 in Kanada lebt, dessen Staatsbürgerschaft er annahm. Gleiches gilt für J. R. R. Tolkien, dessen Geburtsland Südafrika sich deshalb mit dem „Hobbit“ schmücken darf (übersetzt in 59 Sprachen) – vielleicht hätte man eher die Autoren der Ausgangssprache, hier also Englisch, miteinander vergleichen sollen, statt sich offensichtlich an den Geburtsort zu halten. Und schaut man in den Wikipedia-Artikel zum Ukrainer Taras Schewtschenko, dann sind dort für „Vermächtnis“ bedeutend weniger Fremdsprachen genannt, in die das Gedicht übertragen ­wurde; eine der beiden Recherchegruppen muss sich gewaltig irren. Für Deutschland wird übrigens Patrick Süskind („Das Parfüm“, 49 Sprachen) zum Sieger gekürt – dabei sind allein für die Märchen der Brüder Grimm mehr als dreimal soviel Zielsprachen belegt*. Die Schweiz mit „Heidi“ (50) hat eine Zielsprache mehr. Wahrscheinlich Rätoromanisch.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Die amerikanische Seuche

          Neue Serie „Dopesick“ : Die amerikanische Seuche

          „Dopesick“ zeigt, wie die Gier eines Pharmariesen Millionen Amerikaner in die Schmerzmittelsucht trieb. Der Skandal dauert an, vor Gericht kamen die Verantwortlichen davon. Nicht in dieser Serie.

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Topmeldungen

          Büros in Frankfurt

          Betriebsrenten : Unternehmen leiden unter absurd hohem Steuerzins

          Niedrige Zinsen lassen die Pensionsrückstellungen steigen, das Steuerrecht ignoriert diese Belastung. 100.000 Unternehmen sind betroffen. Das Institut der Wirtschaftsprüfer IDW fordert, den Zinssatz deutlich zu senken. Eine Studie zeigt: Diese Forderung ist berechtigt.
          Bürgerinitiativen und Umweltverbände, aber auch einzelne Bürger haben das Recht, sich vor Gericht gegen die Genehmigung einer Windkraftanlage zu wehren.

          Ausbau der Windkraft : Die Ampel kann nicht, wie sie will

          Damit die Energiewende gelingt, wollen die Ampel-Parteien den Ausbau der Windkraft beschleunigen. Doch sie werden schnell an die Grenzen des Europarechts stoßen – und an die der deutschen Mentalität.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.