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Politiker als Kritiker : Wolfgang Schäuble über eine Herrscherin und liebende Mutter

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Finanzminister Wolfgang Schäuble liest über Maria Theresia. Bild: Kat Menschik

Was lesen Politiker – und warum? Der Finanzminister empfiehlt eine Biographie über Maria Theresia: Wie öffentlich diskutiert ihre Körperlichkeit und Fruchtbarkeit waren, gehört zu den vielen lesenswerten Details.

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          Bis zur Bundestagswahl am 24. September ist es noch eine Weile hin, aber der Wahlkampf hat schon begonnen. In keiner Zeit ist das Interesse an den Menschen, die für ihre Politik werben, größer als in diesen Monaten. Und es ist ziemlich paradox, dass die Floskel- und Formelhaftigkeit der politischen Sprache, die alle gleich zu machen scheint, dann ihren Höhepunkt erreicht. Wir möchten dem etwas entgegensetzen. Deshalb haben wir elf Spitzenpolitiker des Deutschen Bundestags gebeten, über Bücher zu schreiben. Die Welt der Literatur ist das Gegenteil erstarrter Denkmuster. Es ist die Welt der imaginären Möglichkeiten, der Entwürfe und Visionen. Mit den Formeln der politischen Sprache lässt sich nicht über sie schreiben. Und so verbindet sich mit unserem Vorhaben auch die Hoffnung, mehr über die Politikerinnen und Politiker, die wir gefragt haben, zu erfahren, als es uns sonst möglich erscheint. F.A.S.

          Als wir 2014 den Beginn des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren erinnerten und dabei das „Nie wieder!“ besonders nachdrücklich bekräftigen wollten, belehrte uns der Krieg in der und um die Ukraine, dass der Verlauf der Geschichte unberechenbar bleibt und auch Orte und Regionen wieder prägt, deren Vergangenheit wie Gegenwart wir in Westeuropa bis heute nicht ausreichend kennen. Dann haben wir begonnen, uns einmal etwas näher mit der Geschichte von Europas Südosten und Osten zu beschäftigen, haben etwa „Bloodlands“ vom amerikanischen Historiker Timothy Snyder gelesen und vielleicht ein Gefühl dafür entwickelt, dass wir in Westeuropa nicht immer so klug und souverän mit politischen Entwicklungen bei unseren ost- und südosteuropäischen Nachbarn und Partnern umgehen, wie wir es vielleicht könnten, wenn wir besser Bescheid wüssten über die Vorgeschichten mancher Besonderheit.

          Wer nun noch mehr gegen diese bis heute im Westen Europas weit verbreitete Ahnungslosigkeit tun will, sollte sich nicht zuletzt die Geschichte des Hauses Habsburg vornehmen, das den südosteuropäischen Raum einst überspannte, und hierzu mit dem neuen Werk über die Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) beginnen, verfasst von Barbara Stollberg-Rilinger, Lehrstuhlinhaberin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

          In Vielfalt geeint

          Wenn nicht alles täuscht, verschwindet die einstige zentraleuropäische, vor- und übernationale Macht des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, des „Alten Reiches“, mit den Kaisern – seit dem 15. Jahrhundert – aus dem Hause Habsburg, mehr und mehr im Nebel des Vergessens. Wir sind noch immer geprägt von den Folgen des national orientierten Geschichtsbildes des 19. Jahrhunderts, nach dem der Untergang des Reiches und die Ausbildung der europäischen Nationalstaaten notwendig und richtig waren.

          Dabei hat es immer wieder Stimmen gegeben, die uns erinnert haben an die möglicherweise weiterhin oder wieder inspirierende Vorläuferschaft des vornationalen und nicht zentralistischen Reichsgebildes, und gerade auch der Habsburger Herrschaftsgebiete inner- und außerhalb des Reiches, für unsere heutige Europäische Union. Länder, Regionen, Religionen, Völker, Sprachen – in Vielfalt geeint und bis heute gerade in diesem südosteuropäischen habsburgischen Raum auch spürbar, für jeden, der die Städte dieses Raumes bereist.

          Der Körper der Herrscherin

          Nun also diese Biographie, die mindestens so sehr ein Buch über die Zeit ist wie eines über die Frau. Über Maria Theresia hat Friedrich II., einer der männlichen Kollegen, die ihr ziemlich rücksichtslos zusetzten, nicht ohne Bewunderung geschrieben: „Einmal haben die Habsburger einen Mann, und dann ist es eine Frau!“ Überraschend dabei der Hinweis, dass die beiden Rivalen im Reich einander nie persönlich begegnet sind – wie haben die Zeiten sich geändert, heute unvorstellbar, süffisant beklagter „Gipfelzirkus“ hin oder her.

          Maria Theresia, die Erbtochter, musste nach dem Tod ihres Vaters lange kämpfen, bis sie ihre juristisch zwar mögliche, politisch aber nur als Ausnahme – als „Staats-Gebrechen“ – verstandene weibliche Herrschaft im Europa ihrer Zeit durchgesetzt hatte: Es dauerte mehrere Kriege – in der Anwendung der damals üblichen Mittel der Politik unterschied sie sich nicht von den Männern – und viele Kinder: 16 hatte sie in 19 Jahren im Alter von dann 39 geboren, zur Sicherung der Herrschaft ihres Hauses, die für sie so unsicher begonnen hatte. Die Nachweise, wie wichtig und wie öffentlich diskutiert in ihrer Zeit die Körperlichkeit der Herrscherin, ihre Fruchtbarkeit waren, gehören zu den vielen lesenswerten Passagen des Buches. Diese ungewöhnliche Kombination, die man in ihr sah, Herrscherin, schöne Frau, liebende Mutter – die war dann doch einzigartig und auch wieder ein Herrschaftsvorteil.

          Maria Theresia selbst aber – und die Sprache ihrer Zeit – trennte ihr physisches Geschlecht von ihrer Regentenrolle. Sie war „Erzherzog“ und zweifacher „König“ – es gab keine weiblichen Sprachformen für die Herrschertitel. Sie war „Landesmutter“ nur im Sinne des „Landesvaters“: ein elterliches Herrschaftsverständnis. Aber die Staatsräson war geschlechtsneutral.

          Kompliziert erscheinen aus heutiger Sicht die damaligen Herrschaftsstrukturen: Ihr Mann aus dem Hause Lothringen war als Franz I. Stephan Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Sie selbst verzichtete auf die für die Ehefrau eigentlich übliche Krönung zur Kaiserin, auch wenn man ihr so entgegentrat und wir sie bis heute so nennen. Der Kaiser hatte keine eigene Machtbasis; sie als Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen schon. Dabei lagen die Länder der ungarischen Stephanskrone außerhalb des Heiligen Römischen Reiches, während Böhmen Teil des Reiches war.

          Kontrolle war großgeschrieben

          Die Rollen wurden entsprechend getrennt, wie Stollberg-Rilinger es beschreibt: „Wenn auswärtige Botschafter ihre feierlichen Antritts- und Abschiedsaudienzen nahmen, empfing sie in der Regel zuerst Franz als Kaiser, dann Maria Theresia als Kaiserin und am Tag darauf noch einmal Maria Theresia, nun in ihrer Eigenschaft als Herrscherin der Erbländer.“ Ihr Mann war Kaiser und als Ehemann Mitregent der Erbländer, regierte aber nicht; das tat sie allein. Sie regierte wirklich persönlich, unermüdlich, ließ sich bis spät in der Nacht alles vorlegen: Gerichtsurteile, Vorträge, Depeschen, Briefe – und Berichte über die Entwicklung ihrer 16 Kinder.

          Das Kapitel über die Erziehung am Hofe, über körperliche Disziplin und Manieren, regelmäßige Frömmigkeitsübungen und das strenge Tagesprogramm, ist eines der eindrücklichsten Kapitel des Buches. Kontrolle war großgeschrieben. Und selbst den erwachsenen Kindern schickte Maria Theresia am Ende noch Aufpasser in deren Ehen hinterher – wie im Fall ihrer Tochter Marie Antoinette sogar an den französischen Hof in Versailles.

          Groß dann aber doch die Kluft zwischen größter Kontrolle und Aufmerksamkeit für die geistige, körperliche, charakterliche Entwicklung der Kinder, den Versuchen, auf sie einzuwirken, Tugenden und Fähigkeiten eines Herrschers zu erziehen, womit die Mutter freilich nur aus der Ferne über ständige schriftliche Instruktionen an die zahlreichen Erziehungsbeauftragten beschäftigt war – und dem weitgehenden Scheitern dieser Bemühungen, oder einfach dem Heranziehen ganz normaler Kinder, die den ungeheuren Ansprüchen der Mutter nicht genügen konnten und deren in ihren Augen zahllose Defizite sie erbarmungslos und in größter Ausführlichkeit in ihren Mitteilungen an die Erzieher beschrieb. Strafen – immerhin und doch schrecklich genug – tat man nicht körperlich, sondern zum Beispiel durch das Nichtfeiern von Geburts- und Namenstagen. Kindlicher Eigenwille musste gebrochen, und die Kinder durften unter keinen Umständen wie Kinder behandelt werden.

          Aber all diese dynastisch-erzieherischen Bemühungen konnten am Ende doch den Niedergang Habsburgs, den Aufstieg Preußens, die Übermacht Napoleons nicht verhindern. Die großen geschichtlichen Linien, die Grundströmungen von Wissenschaft und Technik, die Ideen von Freiheit und Gleichheit waren stärker als Tagespolitik, Machtgebaren und die Persönlichkeit des Einzelnen. In der Folge konnte Maria Theresia insgesamt nicht viel erreichen. Ihre Versuche, alles zu kontrollieren, waren letztlich vergeblich. Die historische Entwicklung ging über sie hinweg. Den Lauf der Geschichte konnte sie nicht nachhaltig beeinflussen.

          Erstaunlich nüchtern beurteilt Stollberg-Rilinger auch die inneren Staatsreformen der aufgeklärten Monarchin, die Organisationsreformen zum Zweck einer effektiveren „Herrschaft aus der Ferne“, die frühere Historiker so bewundert haben. Sie habe „einen neuen Staat aufgerichtet“, hieß es lange – vernünftig, rational, vollendet durchgeplant, kontrolliert. Ganz sicher findet Stollberg-Rilinger dagegen nur zwei Folgen der Reformen: den Anstieg der Staatskosten und den Anstieg der Aktenflut. Man erreicht nicht, was man will, und das dann noch mit unerwünschten Nebenfolgen – eine Mahnung zur Demut in der Politik. Ein lehrreiches Buch, das im Frühjahr den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse verdient erhalten hat.

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