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Thomas Meinecke : Mit Glitzer im Gesicht

  • -Aktualisiert am

Was heißt das schon, weiblich, männlich? Linni Rows Wiman aus Schweden bereitet sich auf die Miss Trans Star Show vor. Bild: AP

Der Schriftsteller Thomas Meinecke steht mit seiner feministischen Popprosa in der deutschen Literatur völlig isoliert da. Sein neuer Roman „Selbst“ zeigt: Das darf nicht so bleiben

          Das gibt es jetzt: ein zeitgenössisches Update von Vermissen. Ich weiß noch nicht, was das heißen wird, fühle aber schon mal vor. Und kostenloses W-Lan im ICE von Frankfurt nach München gibt es jetzt. Schnell genug, um mir zu zeigen: Flüssignahrung, die hip ist; postapokalyptischen Dancehall; einen komplett fiktiven US-Wahlkampf. Das alles gibt es jetzt. Auch ganz ohne Internet: das lesbische Paar gegenüber, das mit seiner Tochter auf die Wiesn fährt. Gibt es euch jetzt wirklich schon? Hi! Ich fahre mit diesem Zug nach München, um mit dem Schriftsteller Thomas Meinecke über sein neues Buch zu sprechen.

          Das heißt „Selbst“ und führt Meineckes literarisches Projekt nahtlos fort und doch mit neuem Strickmuster: Alles noch mal genauso, nur ein bisschen anders. Der neue Roman ist wieder kein Romanroman geworden, sondern eine Textmaschine, die diverse Schichten der Gegenwart neu vernäht: Das gibt es jetzt. „Selbst“ zitiert seitenlang aus verschiedensten Quellen und legt Theorie- und Popfetzen einer Handvoll seltsam artifizieller Figuren vor, die sie lesen und persönlich nehmen, während sie zu zweit auf irgendwelchen Betten liegen. Oder sie liegen alleine und chatten. Diesmal fungiert Frankfurt am Main als Geflecht, in dem sich nicht nur Theorieheldinnen wie Jean-Luc Nancy, Hélène Cixous und Paul B. Preciado, sondern auch deutsche Vormärz-Auswanderer in Texas und Transgender-Models in der WG von Venus, Eva und Genoveva miteinander verknoten. Zärtlich verknoten? Ja! Schon.

          Ein neues Nachdenken über Sexualität

          Meinecke und den poststrukturalistischen Methoden, mit denen er arbeitet, wird von Kritikern immer wieder das schlimmste aller Vergehen vorgehalten: Unsexy sei das, nein, schlimmer, Lusttötung! Ohne es irgendjemandem zeigen zu wollen, gerade nicht, kreist „Selbst“ dagegen um die Möglichkeit einer neuen, weniger hierarchischen, queeren Lust. Oder wird das überhaupt noch Lust gewesen sein, so ganz ohne Ejakulation? Vielleicht geht es darum, einen neuen Begriff von Zärtlichkeit anzupeilen, schlägt Meinecke vor: „Sag ich jetzt mal ganz problematisch.“ So wird in „Selbst“ das erotische Werk Anaïs Nins wiedergelesen, gender-verkomplizierende Mode getragen und Post Pornography geguckt, die mit explizitem Material jenseits der heteronormativen Blickachse experimentiert. Ein Forschen in den intensiven Dazwischens, in denen – entgegen anderslautenden Nörgelns – auch die feministische Political Correctness (und ihre sanfte Bürokratie) seit ihrer Erfindung mäandert.

          Transmodels schreiben sich auf Facebook. Ja, das ist die Wirklichkeit, nicht nur bei Suhrkamp: Paris Nemc aus der Slowakei, Miss-Trans-Star-Kandidatin, im Barcelona.

          Mit diesem neuen Akzent greift eine der jüngsten Bewegungen queerer Theorie auf den Meineckeschen Kosmos über: Lose gebündelt unter dem Label Affect Theory macht sich seit wenigen Jahren ein neuer feministischer Materialismus daran, den reaktionären Vorwurf von Weltfremdheit und Wunschdenken auszuräumen. Wo Gender-Theorien immer wieder zugeschrieben wird, sie würden an dem, was da ist – und in den meisten Fällen geht es um das Da-Sein primärer Geschlechtsorgane –, nur avanciert vorbeireden, verschärfen Theoretikerinnen wie Eve Kosofsky Sedgwick oder Lauren Berlant ihre Prämissen und fokussieren sie auf die Dimension des Affekts. Stimmungen und Gefühle werden in ihren Arbeiten nicht als effeminiert und privat abgetan, sondern als Ausdruck einer kollektiven, politischen Körperlichkeit untersucht. Körper werden hier in ihrer Kompliziertheit trotzdem theoretisch zu fassen versucht. Das gibt es jetzt, ohne zu vergessen, dass es davor, danach, daneben auch noch etwas gibt und außerdem verschiedene Graustufen dieses Gebens. Eine „außerparlamentarische Opposition der Dinge“, notiert eine Figur in „Selbst“ am Rand eines Texts.

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