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Thilo Sarrazins „Tugendterror“ : Der Ungleichheitsapostel

Oder noch allgemeiner: von Meinungsäußerung und Kontext. Auf den Oppositionssitzen kann der Satz „Oppermann ist eine Pflaume“ folgenloser gebildet werden als auf der Regierungsbank. Sarrazin selbst dürfte während seiner Zeit als Ministerialbeamter auch das eine oder andere nicht gesagt haben, ohne sich deswegen schon unter Meinungsterror gefühlt zu haben. Wenn er eine Umfrage zitiert, der zufolge viele Bürger abseitige Meinungen gern verbieten würden, vergisst er hinzuzusetzen, dass die meisten nicht verboten sind und es je nach Befragten auch immer andere Meinungen sind, die Achtungsverluste nach sich ziehen.

Für die Gesellschaftsbeschreibung ungeeignet

Worauf Sarrazin zielt, sind die Medien. Dafür, weshalb sie so viel Falsches, vor allem über ihn und seine Themen, berichten, denkt er sich verschiedene Erklärungen aus. Eine ist, dass Journalisten größtenteils „Politikwissenschaft, Germanistik oder Geschichte“ studiert hätten. Darum seien ihnen Zahlen fremd und kennten sie sich mit der „sozialen und physischen“ Wirklichkeit schlecht aus. Sie hätten es mehr mit der Sinnstiftung als mit Tatsachen. Wenn ich an dieser Stelle als Volkswirt persönlich werden darf: Ob Angehörige einer Disziplin, deren Prognoseirrtümer gern im Bereich von fünfzig Prozent liegen, wirklich mit ihrer Befähigung zu realitätsgerechten Aussagen angeben sollten?

Eine andere Erklärung lautet: Journalisten seien links und jedenfalls „linker“ als die Bevölkerung, Linke - wie Christen - pflegen völlig inadäquate Gleichheitsideale, Gleichheitsideale führen, ideologisiert, zu Gleichmacherei, und weil diese in der „sozialen und physischen“ Wirklichkeit scheitert, tobt sie sich umso mehr im Bereich der Meinung aus. Dass es daneben auch eine Ungleichheitsideologie gibt, wird von Sarrazin eher beiläufig erwähnt. Die naheliegende Schlussfolgerung aus beidem, dass „gleich/ungleich“ überhaupt kein gutes Begriffspaar für eine Gesellschaftsbeschreibung ist, sondern ein moralisches Passepartout, zieht er darum nicht.

Auch Antirhetorik ist eine Rhetorik

Entsprechend kann er in einem Satz die Abschaffung von Schulnoten, mehr Rampen für Rollstuhlfahrer, progressive Steuersätze und Frauenquoten als typische Forderungen von „Gleichheitsaposteln“ unterbringen. Zu unterscheiden, welche Gleichheitsforderungen offenkundig sinnvoll sind, welche völlig vergeblich und welche zu Recht umstritten, weshalb sie eine Frage politischer Willensbildung sind, fällt ihm an dieser Stelle nicht ein. Sarrazin glaubt letztlich, das alles lasse sich wissenschaftlich entscheiden - und weil die Wissenschaft auf Zahlen beruht und die meisten Zahlen ungleich sind, gibt es für ihn einen Vorrang des Ungleichen. Nur dass er eben alle Einwände dagegen seinerseits gleich behandelt.

So erliegt Sarrazin seiner undurchschauten Begrifflichkeit. „Natürlich beobachten wir“, schreibt er zu einer seiner Lieblingsungleichheiten, „dass sich viele Völker und Ethnien in typischer Weise unterschiedlich verhalten.“ Die Frage, wie sich ganze Völker überhaupt beobachten lassen, stellt er sich nicht. So wenig, wie er merkt, dass Ethnie für ihn damit nur nach außen ein Unterscheider ist, nach innen aber ein Gleichmacher. Andererseits waren ihm die Journalisten auch überethnisch eine typische Gruppe, so wie die Gleichheitsapostel aller Nationen und Berufsgruppen. Konfusionen, wohin man schaut.

Insofern hat Sarrazin sein Gebiet gut gewählt. Es ist nicht der Rechtsstreit, der klären könnte, ob man ihm die Meinungsfreiheit genommen hat, und es ist nicht die Wissenschaft, auch wenn er so tut. Es ist der rhetorische Meinungskampf, in dem auch Antirhetorik eine Rhetorik ist. Die alte soziologische Einsicht, dass Streit die Streitenden einander ähnlich macht, beweist sich auch an Thilo Sarrazin. Er imitiert, was er angreift, und fasst einige Äußerungen der Gesellschaft, in der wir leben, „pointiert zusammen“

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