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Sten Nadolny: „Weitlings Sommerfrische“ : Im Unfertigen findet das Leben statt

  • -Aktualisiert am

Bild: Piper

Götter und Künstler: Sten Nadolnys Zeitreisenroman „Weitlings Sommerfrische“ ist ein Denkstück über die Identität. Wer bin ich - und wenn ja wie viele?

          Für Gott und seinen Adjutanten, den Schriftsteller, ist alles Gegenwart. Im Diesseits dagegen: nichts als schnödes Nacheinander. Darin sind sich sämtliche Philosophen einig, mögen sie die Zeit nun als menschliche Erfindung, als reine Anschauungsform oder als harte empirische Währung betrachten. Aber ist das eigentlich so sicher? Dehnt und krümmt, verknotet und durchbricht sich die Zeit nicht unablässig? In „Zeitlang“, dem bayerischen Begriff für „Sehnsucht“, kommt das sehr schön zum Ausdruck. Er spielt denn auch eine wichtige Rolle in Sten Nadolnys neuem Roman, der virtuos die objektiv-lineare Zeitvorstellung außer Kraft setzt: „Ein Zeitlang, das keine Sau aushält, Geister auch nicht.“

          Es handelt sich um ein philosophisches Experiment: Nadolny treibt die „Idee einer Visite in der eigenen Jugend“ so weit, dass die Möglichkeit alternativer, ja multipler Existenzen aufscheint, vielleicht eine späte Antwort auf Max Frischs allzu fatalistisches Denkstück „Biografie: Ein Spiel“. Handlungsversessenen Lesern mag die Zeit dabei tatsächlich lang werden, denn bevor im letzten Fünftel Umschwünge und Pointen die Geschichte enorm beschleunigen, kann es durchaus scheinen, als habe der Autor Jahrzehnte nach der Langsamkeit auch die - freilich gepflegte - Langeweile entdeckt. In einem derart geruhsamen Stil würde vielleicht ein bürgerlicher Realist des neunzehnten Jahrhunderts Robert Zemeckis’ „Zurück in die Zukunft“ retro-adaptieren: Anstelle von Marty McFly und seiner flotten Sprüche sehen wir Richter a. D. Wilhelm Weitling, der nach halbwegs erfülltem Juristenleben an einem frömmelnden Alterswerk namens „spes divina“ herumdoktert und ansonsten liebevoll sein Segelboot pflegt, welches er hin und wieder auf dem Chiemsee ausführt, nicht weil er Lust dazu hätte, sondern weil „ohne einen Willen zum Abschluss“ Verblödung drohe.

          Das Unterlaufen von Selbsterkenntnis

          Bei einer Ausfahrt gerät der Achtundsechzigjährige in einen Sturm, exakt so, wie er das als Sechzehnjähriger nur knapp überlebt hat - und siehe da, es tut sich ein Wurmloch auf: Der Held wird im Jahre 1958 ausgespuckt, und zwar als rein beobachtender, an sein früheres Ich geketteter Geist. Nur wenn der junge Willy schläft, kann sich sein Alter-Ego frei bewegen. Er erfährt, dass dieser „Jugendarrest in einer neuen Bedeutung des Wortes“ verbreitet ist und „Sommerfrische“ genannt wird. Mit Alten, Verwirrten und Betrunkenen lässt sich dabei sogar plaudern. Zum Mentor wird dem Rückkehrer sein Künstler-Großvater mit dem sprechenden Namen Fedor von Traumleben, den sie damals für dement hielten.

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