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Uwe Krüger: Meinungsmacht : Wie kommt die Meinung in die Welt?

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Doch was fängt man an mit diesem Befund? Sollte Herr Kornelius beruhigt werden, weil er die Lage zu dramatisch sieht? Oder wäre Herrn Joffe nahezulegen, etwas mehr allgemeine Besorgnis an den Tag zu legen? Dass derartige Unterschiede sehr aussagekräftig sind, glaubt auch Krüger nicht. Ihm kommt es vielmehr auf die Gemeinsamkeit an, dass die vier Journalisten sich auf der Basis eines „erweiterten Sicherheitsbegriffs“ für ein deutsches Engagement bei Nato-Einsätzen starkmachen. Man könnte einwenden: Vier Journalisten ergeben noch keine öffentliche Meinung, auch wenn es sich um „Alpha-Journalisten“ handelt.

Diesem Einwand begegnet Krüger, indem er die Berichterstattung über die Münchner Sicherheitskonferenz in den Jahren 2007 bis 2010 untersucht. Hierbei interessiert ihn nicht nur, wie die Konferenz selbst dargestellt und bewertet wurde, sondern insbesondere die Behandlung der Protestaktionen. Wiederum zeigt sich, dass „FR“ und „taz“ kritischer berichteten und auch die Proteste zumindest mit Schlagworten zitierten; in den anderen Zeitungen hingegen wurden sie ignoriert (F.A.Z.), nur am Rande behandelt (“Welt“) oder allenfalls im Lokalteil ausführlicher angesprochen (“SZ“).

Es wäre überraschend gewesen, wenn andere (oder gar keine) Unterschiede in der Berichterstattung festgestellt worden wären. Ob die unterschiedlichen Bewertungen sicherheitspolitischer Fragen auf die „enge Verflechtung mit wirtschaftlicher und politischer Macht“ zurückzuführen sind, bleibt trotz des Engagements von vier Journalisten in zahlreichen „Nato- und US-nahen Netzwerken“ offen.

Enttäuschung vor programmiert

Das liegt nicht nur daran, dass Zusammenhänge allein keinen Aufschluss geben über das Zustandekommen von Meinungen und Netzwerken (und deren wechselseitige Beeinflussung). Die Frage nach der Kausalität kann deshalb nicht abschließend beantwortet werden: Wählen die Journalisten ihre Gesprächspartner und Engagements aufgrund ihrer Meinungen - oder umgekehrt? Das ist nicht unbedeutend, weil davon auch die Bewertung der Ergebnisse abhängt. Denn Krüger möchte natürlich nicht nur darauf hinweisen, dass verschiedene Printmedien unterschiedlich berichten. Es geht ihm vielmehr darum, dieses Bias zu erklären - und zu bewerten. In seinem Buch ist deshalb oft von „journalismusethischen“ und „demokratietheoretischen“ Erwartungen die Rede, die durch die vorliegenden Ergebnisse enttäuscht würden.

Betrachtet man diese Erwartungen genauer, erscheinen sie teilweise etwas hochgesteckt und von daher vielleicht besonders enttäuschungsanfällig. Wenn man dem Journalisten die „Berufsrolle des neutralen Beobachters“ zuweist, von der Berichterstattung grundsätzlich mehr erwartet, als die Meinungsvielfalt der politischen Eliten abzubilden, und dies von einer „funktional höheren Warte“ aus, so ist die Enttäuschung im Grunde programmiert. Es bleibt dem normativen, sich an ethischen Maßstäben orientierenden Beobachter unbenommen, anspruchsvolle Erwartungen zu formulieren und sich auch von Enttäuschungen nicht irritieren zu lassen. Doch im Bereich der empirischen Wissenschaften sind enttäuschte Erwartungen häufig ein Hinweis darauf, dass die Theorie nicht stimmt.

System der Massenmedien

In diesem Fall könnte man deshalb vermuten, dass die genannten normativen Ansprüche keine gute sozialwissenschaftliche Theorie sind. Eine solche müsste vielmehr davon ausgehen, dass Erwartungen wie Pluralität oder gar Neutralität nicht durch den einzelnen Journalisten oder sogar den einzelnen Bericht eingelöst werden, sondern - wenn überhaupt - durch das System der Massenmedien als Ganzes.

Ungeachtet der im Detail aufschlussreichen Ergebnisse von Krügers Studie muss man deshalb die Befürchtung nicht unbedingt teilen, dass die öffentliche Meinung insgesamt durch politische und wirtschaftliche Eliten kontrolliert würde. Aus Sicht mancher der genannten Zeitungen könnte es aber durchaus Anlass zur Besorgnis geben, wenn ihre Journalisten sich in so vielen Netzwerken, Gesprächskreisen und Foren engagieren: Man fragt sich, ob sie für intensive Recherchen überhaupt noch Zeit haben.

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