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Bruno Latour: „Enquete sur les modes d’existence“ : Diplomatie statt Systemtheorie

  • -Aktualisiert am

Bild: Editions La Decouverte

Unterschiedenes ist gut: Bruno Latour schreibt seine Netzwerk-Theorie weiter und wahrt die Chance, der Philosophie zu entkommen.

          5 Min.

          Bruno Latour hat ein weiteres Hauptwerk geschrieben. Das ist nichts Ungewöhnliches. Wer sogar in kleineren Schriften reihenweise Alltagsgewissheiten auf den Kopf stellt - wir sind nie modern gewesen, Objekte können handeln -, der wird in seinen größeren Arbeiten kaum bescheidener vorgehen. Kritik der Moderne, globale Verfassung: Darunter geht es bei Latour nicht, auch nicht in der vor kurzem erschienenen „Enquête sur les modes d’existence“, die den Untertitel „Eine Anthropologie der Modernen“ trägt. Wie Latours frühere Schriften zeichnet dieser Band ganz nebenbei ein Porträt des Autors als charismatischer Philosoph. Insofern solche Rolle in den Wissenschaften noch Prestige besitzt, darf sie mit einem deutungsfreudigen Publikum rechnen.

          Doch das könnte ein Missverständnis sein. Denn Latour empfiehlt eine Form des Arbeitens, die den gelehrten Wettkampf um die neuste „Theorie“ gerade hinter sich lässt. Bisweilen betrifft das sogar den eigenen Beitrag: Unvergessen ist Latours Widerruf seiner Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) - alle drei Begriffe und sogar die Bindestriche seien falsch! Tatsächlich definiert sich ANT bei Latour von Publikation zu Publikation neu, um dann zu behaupten, sie sei schon immer so gemeint gewesen.

          Instrumente als Akteure

          In ihrer letzten, rehabilitierten Fassung - hilfreich zusammengefasst in „Reassembling the Social“ (2005) - trat die Akteur-Netzwerk-Theorie als ein grundlegend ethnographisches Unternehmen auf: Wolle man verstehen, wie Gesellschaft funktioniert, helfe keine abstrakte Begriffsbestimmung, sondern einzig die Beobachtung und Befragung der Handelnden selbst, denn Gesellschaft sei eben keine Sache, sondern ständige Aktion. Aus den Science Studies blieb allerdings der merkwürdige Gedanke erhalten, dass zu den aussagekräftigen Akteuren des sozialen Lebens auch „Dinge“ - Gegenstände, Technologien, Medien mit eigener Handlungskraft - gehören.

          Wo Menschen handeln, so Latour, da handeln ihre Instrumente mit, und das keineswegs nur instrumentell, sondern immer auch ihrer eigenen Logik folgend. Der Prozess technologischer Modernisierung zeigt sich aus solcher Perspektive nicht als Ausweitung menschlicher Herrschaft über eine äußere Objektwelt, sondern als zunehmende Verflechtung, ja irreversible Abhängigkeit menschlicher und nichtmenschlicher Handlungsträger. Wer’s nicht glaubt, der stelle sich vor, was eintreten würde, wenn morgen alle Computer den Geist aufgäben.

          Vertrauen in die Institution Wissenschaft

          Der Schritt hin zu einer ökologischen Würdigung allumfassender Interdependenz lag für diesen Theoretiker der Praxis somit immer schon nahe. Tatsächlich gibt Latours neues Buch an, von der Faktizität des globalen Klimawandels motiviert zu sein, der hier als Hintergrundkatastrophe für alle angestellten Untersuchungen dient. Latour nimmt den drohenden ökologischen Kollaps zum Anlass, einige Grundannahmen der Science Studies und der Akteur-Netzwerk-Theorie zu überdenken. Besonders unbehaglich ist es ihm, dass das Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Fakten, von ANT fleißig mitbefördert, mittlerweile zur Grundausstattung reaktionärer Bewegungen gehört. Wenn Kreationisten die Klimaforschung oder die Evolutionstheorie als Glaubenssysteme unter anderen darstellen, wird es dem ehemaligen Kritiker naturwissenschaftlicher Objektivität mit gutem Grund mulmig.

          So plädiert Latour zu Beginn seines neuen Buches für pragmatisches Vertrauen in die „Institution“ der Wissenschaft. Damit unterstreicht er aber erneut, dass Wissenschaft als soziale Institution existiert, nicht als direktes Medium objektiver Tatsachen. Es bleibt ein schräges, da strategisch konstruiertes Argument, dem es auch darum geht, eine zeitgemäße politische Position mit der bisherigen Metaphysik des Autors in Übereinstimmung zu bringen. Der Ertrag für das laufende Projekt einer Theorie der Praxis aber ist beachtlich. Mit dem Buch gelingt eine spannungsreiche neue Episode der ANT-Fortsetzungsgeschichte.

          Lebenswelten, die sich um sich selbst drehen

          Bestimmend ist die Einsicht, dass sich die soziale Welt trotz umfänglicher Verflechtung aller Akteure sehr wohl in getrennte Handlungssphären untergliedert, weshalb Politiker auf einem Klimagipfel eben Politik betreiben und nicht angewandte Klimaforschung. Umgekehrt kann ANT noch so überzeugend nachweisen, dass in naturwissenschaftlichen Laboren keineswegs nur Forschung stattfindet, weil ökonomische oder juristische Handlungen in jeden Erkenntnisakt eingewoben sind - die beteiligten Forscher werden dennoch darauf bestehen, nichts anders als Wissenschaft zu betreiben.

          Neben den offenen Akteur-Netzwerken rückt somit eine Vielzahl geschlossener Lebenswelten oder „Seinsweisen“ in den Blick, die sich alle um sich selbst und die eigenen Wahrheiten drehen. Auf dem Arbeitsgebiet der Wissenschaft, schreibt Latour, wird eben Wissenschaftlichkeit produziert, auf dem Arbeitsgebiet der Wirtschaft Wirtschaftlichkeit, auf dem Arbeitsgebiet des Gesetzes Gesetzmäßigkeit, auch wenn die beteiligten Aktionen jeweils weit in andere idealisierte Handlungsfelder hineinreichen. Diese differenzierten Zuständigkeitsbereiche kommen natürlich dem nahe, was Niklas Luhmann als soziale Systeme beschreibt. Ähnlich wie Luhmann betont Latour, dass der Erhalt solcher Systeme arbeitsaufwendig ist: Gesellschaftliche Zusammenschlüsse sind nicht prinzipiell gegeben, sondern müssen sich fortwährend selbst erschaffen. Ohne konstantes Agieren können sie nicht bestehen - ein Gedanke, der in der Systemtheorie den schönen Namen Unwahrscheinlichkeit trägt.

          Die Notwendigkeit der Mittlerposition

          Wo aber soziale Unwahrscheinlichkeit auf die Wahrscheinlichkeit einer globalen Klimakatastrophe trifft, da wird die Frage dringlich, wie konkurrierende Weltwahrnehmungen eigentlich auf ihre fatale Verbundenheit hingewiesen werden können. Verantwortung für die Erderwärmung liegt ja nicht bei einem einzelnen Verursacher wie „der Wirtschaft“ oder „der Politik“, sondern erstreckt sich über alle vernetzten Zuständigkeiten hinaus. Das ambitionierte Projekt des jüngsten Buchs besteht in dieser Situation darin, die Wahrheitsbedingungen unterschiedlicher sozialer Wertsphären in einer Sprache zu rekonstruieren, die zwischen Politik und Wissenschaft, zwischen Religion und Wirtschaft (und so weiter) einen Dialog über ökologische Handlungsoptionen ermöglichen würde, also: über Fragen, die buchstäblich das Ganze betreffen.

          Statt dabei auf eine übergreifende System-„Theorie“ oder eine externe Beobachterposition zu setzen, die zur Kritik befähigt wäre, betont Latour die Notwendigkeit einer „diplomatischen“ Mittlerposition. Soziale Wissensfelder sollen einander verständlich gemacht werden, ohne ihr jeweiliges Selbstverständnis aufgeben zu müssen. Diplomatie heißt, notiert Latour, „mit jemandem angemessen über Dinge zu sprechen, die dieser Person wirklich wichtig sind“.

          Das Versprechen liegt im Scheitern

          Eine fraglos noble Aufgabe. Doch Latour scheitert an ihr, mehrfach. Zum einen lädt die analytische Figur des Netzwerks zu einem Pathos des Planetarischen ein, dem Latour mit wiederholten Anrufungen Gaias (also der Erde als selbstregulativem Organismus) freimütig nachgibt. Wie mancher Kinofilm unserer Tage zieht diese „Anthropologie der Modernen“ aus der weiten Einsicht, dass alles irgendwie miteinander verbunden ist, den kurzen Schluss, dass alles Verbinden damit irgendwie sinnvoll sei. Zum anderen bemüht Latour eine Sprache von Sein und Existenz, die sich für die vermittelnde „Neubeschreibung“ konkurrierender Wertsphären als denkbar ungeeignet erweist. Dass Ontologie Wahrheitsansprüche eher anfeuert denn beschreiben hilft, ist historisch gut belegt. Daran ändert auch Latours Beharren nichts, sein Buch liefere ja nur die Grundlage für ein digitales Kollektivprojekt systematischer Erfassung, bei dem die Leser auf einer parallel mitlaufenden Website eingeladen werden „mitzuforschen“. Derartige Hinweise auf eine neue technologische Schwarmintelligenz bleiben vor allem eines: Geste.

          Und doch liegt im Scheitern dieses eigenartigen Buches ein beachtliches Versprechen. Schon mehrfach hat sich Latour auf der Suche nach einer Empirie ohne Empirismus ins Esoterische verrannt, um sich dann eines Besseren zu besinnen und erstaunliche Recherchen auf den Weg zu bringen. Auch diesmal darf man gespannt sein, was sichtbar wird, wenn sich der ontologische Nebel gelichtet hat. Zuvor können kluge Köpfe auf Tagungen und in Sammelbänden darüber debattieren, wie sich „Latour“ zu „Luhmann“ oder „Deleuze“ oder „Ryle“ verhält. Vielleicht werden solche Fragen aber ihren Reiz verlieren, wenn die empirisch-diplomatische Aufgabe, die das neue Buch den Geisteswissenschaften stellt, echte Forschungsarbeiten in Archiven und sozialen Feldern anstößt. Das könnte eine Philosophie sein, die aus der Philosophie hinausführt.

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