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Bruno Latour: „Enquete sur les modes d’existence“ : Diplomatie statt Systemtheorie

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Neben den offenen Akteur-Netzwerken rückt somit eine Vielzahl geschlossener Lebenswelten oder „Seinsweisen“ in den Blick, die sich alle um sich selbst und die eigenen Wahrheiten drehen. Auf dem Arbeitsgebiet der Wissenschaft, schreibt Latour, wird eben Wissenschaftlichkeit produziert, auf dem Arbeitsgebiet der Wirtschaft Wirtschaftlichkeit, auf dem Arbeitsgebiet des Gesetzes Gesetzmäßigkeit, auch wenn die beteiligten Aktionen jeweils weit in andere idealisierte Handlungsfelder hineinreichen. Diese differenzierten Zuständigkeitsbereiche kommen natürlich dem nahe, was Niklas Luhmann als soziale Systeme beschreibt. Ähnlich wie Luhmann betont Latour, dass der Erhalt solcher Systeme arbeitsaufwendig ist: Gesellschaftliche Zusammenschlüsse sind nicht prinzipiell gegeben, sondern müssen sich fortwährend selbst erschaffen. Ohne konstantes Agieren können sie nicht bestehen - ein Gedanke, der in der Systemtheorie den schönen Namen Unwahrscheinlichkeit trägt.

Die Notwendigkeit der Mittlerposition

Wo aber soziale Unwahrscheinlichkeit auf die Wahrscheinlichkeit einer globalen Klimakatastrophe trifft, da wird die Frage dringlich, wie konkurrierende Weltwahrnehmungen eigentlich auf ihre fatale Verbundenheit hingewiesen werden können. Verantwortung für die Erderwärmung liegt ja nicht bei einem einzelnen Verursacher wie „der Wirtschaft“ oder „der Politik“, sondern erstreckt sich über alle vernetzten Zuständigkeiten hinaus. Das ambitionierte Projekt des jüngsten Buchs besteht in dieser Situation darin, die Wahrheitsbedingungen unterschiedlicher sozialer Wertsphären in einer Sprache zu rekonstruieren, die zwischen Politik und Wissenschaft, zwischen Religion und Wirtschaft (und so weiter) einen Dialog über ökologische Handlungsoptionen ermöglichen würde, also: über Fragen, die buchstäblich das Ganze betreffen.

Statt dabei auf eine übergreifende System-„Theorie“ oder eine externe Beobachterposition zu setzen, die zur Kritik befähigt wäre, betont Latour die Notwendigkeit einer „diplomatischen“ Mittlerposition. Soziale Wissensfelder sollen einander verständlich gemacht werden, ohne ihr jeweiliges Selbstverständnis aufgeben zu müssen. Diplomatie heißt, notiert Latour, „mit jemandem angemessen über Dinge zu sprechen, die dieser Person wirklich wichtig sind“.

Das Versprechen liegt im Scheitern

Eine fraglos noble Aufgabe. Doch Latour scheitert an ihr, mehrfach. Zum einen lädt die analytische Figur des Netzwerks zu einem Pathos des Planetarischen ein, dem Latour mit wiederholten Anrufungen Gaias (also der Erde als selbstregulativem Organismus) freimütig nachgibt. Wie mancher Kinofilm unserer Tage zieht diese „Anthropologie der Modernen“ aus der weiten Einsicht, dass alles irgendwie miteinander verbunden ist, den kurzen Schluss, dass alles Verbinden damit irgendwie sinnvoll sei. Zum anderen bemüht Latour eine Sprache von Sein und Existenz, die sich für die vermittelnde „Neubeschreibung“ konkurrierender Wertsphären als denkbar ungeeignet erweist. Dass Ontologie Wahrheitsansprüche eher anfeuert denn beschreiben hilft, ist historisch gut belegt. Daran ändert auch Latours Beharren nichts, sein Buch liefere ja nur die Grundlage für ein digitales Kollektivprojekt systematischer Erfassung, bei dem die Leser auf einer parallel mitlaufenden Website eingeladen werden „mitzuforschen“. Derartige Hinweise auf eine neue technologische Schwarmintelligenz bleiben vor allem eines: Geste.

Und doch liegt im Scheitern dieses eigenartigen Buches ein beachtliches Versprechen. Schon mehrfach hat sich Latour auf der Suche nach einer Empirie ohne Empirismus ins Esoterische verrannt, um sich dann eines Besseren zu besinnen und erstaunliche Recherchen auf den Weg zu bringen. Auch diesmal darf man gespannt sein, was sichtbar wird, wenn sich der ontologische Nebel gelichtet hat. Zuvor können kluge Köpfe auf Tagungen und in Sammelbänden darüber debattieren, wie sich „Latour“ zu „Luhmann“ oder „Deleuze“ oder „Ryle“ verhält. Vielleicht werden solche Fragen aber ihren Reiz verlieren, wenn die empirisch-diplomatische Aufgabe, die das neue Buch den Geisteswissenschaften stellt, echte Forschungsarbeiten in Archiven und sozialen Feldern anstößt. Das könnte eine Philosophie sein, die aus der Philosophie hinausführt.

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