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Andreas Mayer: Wissenschaft vom Gehen : Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir

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Physikalische Erforschung des „menschlichen Gehwerkzeuges“

Doch von unlösbaren Problemen wollte die Wissenschaft nichts wissen und so machten sich zur gleichen Zeit, als Balzac in Paris über sie klagte, im fernen Göttingen zwei junge Wissenschaftler an die experimentelle Arbeit. Die Brüder Eduard und Wilhelm Weber verfolgten einen rein physikalischen Ansatz bei der Erforschung der „menschlichen Gehwerkzeuge“. Ihr Anspruch bestand darin, für dieses Phänomen dasselbe zu leisten, was Newton für die Bewegung der Himmelskörper vollbracht hatte: Eine Erklärung, die allein auf den strukturellen Merkmalen des menschlichen Körpers und den üblichen physikalischen Bewegungsgesetzen beruhe und etwa den Willen des Gehenden ausklammerte. Zwar stellten sich einige der zentralen Behauptungen der Brüder Weber später als falsch heraus, ihr radikaler Physikalismus sollte sich aber als wegweisend für große Teile der nachfolgenden Forschung erweisen.

Die erfolgreiche Durchführung dieses Programms hing vor allem von der Entwicklung effizienter Methoden zur Beobachtung, Aufzeichnung und Messung des gesunden wie pathologischen Gehens ab. Zu den eindrucksvollsten Errungenschaften auf diesem Gebiet gehörte die vor allem von Étienne-Jules Marey in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte Chronophotographie, bei der das kontinuierliche Gehen durch rasch aufeinanderfolgende Photographien in eine Sequenz einzelner Bilder zerlegt wurde.

Evolutionäre Deutungen werden ausgespart

Andere Forscher zogen die „Abdruckmethode“ vor, bei der Abdrücke der gefärbten Füße des Probanden auf Papier festgehalten und ausgewertet wurden. Auch wurden kleine Tintenröhrchen an den Schuhen befestigt, so dass der Schwung der Beine elegante Kurvenbilder auf Papier hinterließ. Mayers Darstellung gibt einen lebhaften Eindruck von der experimentellen Phantasie und dem technischen Raffinement der französischen und deutschen Gangforscher. Ebenso von ihrem Eifer, aus den erzielten Ergebnissen Schlussfolgerungen für die Verbesserung der bildenden Künste - wie müssen stehende oder gehende Menschen dargestellt werden -, für das Militär - wie muss marschiert und paradiert werden - oder für die Reform des ordinären Gehens - wie können die zivilisatorischen Zwänge abgeschüttelt und die natürlich schöne Gangart wiedergewonnen werden - zu ziehen und öffentlich zu propagieren.

Das Buch konzentriert sich auf die Empirisierung und Experimentalisierung des Gehens und stellt sie erstmals zusammenhängend dar. Dass die parallel dazu entwickelten evolutionären Deutungen ausgespart bleiben, ist daher verständlich; obwohl sie doch immerhin von der Frage handeln, warum sich unsere Vorfahren überhaupt von vier auf zwei Füße aufgerichtet und damit überhaupt erst begonnen haben zu „gehen“. Unverständlich bleibt allerdings, warum Andreas Mayer seine Erzählung an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert abbricht und nicht wenigstens eine kurze Vorschau auf den Fortgang der experimentellen Gangforschung gibt, die durchaus noch einige spannende Kapitel bereithalten sollte.

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