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Stefan Zweig: Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte : Der schwere Kampf für eine schöne Sache

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Wie sich der Meister der psychologischen Novelle in seinen letzten Jahren im eigenen Seelenleben verlief: Die Briefe Stefan Zweigs an seine Frau Lotte.

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          Ja, es war wirklich ein unglücklicher Moment, in dem Friderike Zweig im Januar 1935 noch einmal kurz ins Arbeitszimmer ihres Mannes im Hotel in Nizza kam, um eine kleine Konsulatsfrage mit ihm zu besprechen: „Nie habe ich ein Mädchen so bestürzt gesehen, wie dieses aus einer tiefen Benommenheit aufgescheuchte junge Mädchen.“ So hat sie die Szene später beschrieben. Das benommene Mädchen war Lotte Altmann, seit einem Dreivierteljahr die Sekretärin Stefan Zweigs. Viel mehr hat Friderike nicht geschrieben, nur dass ihr Mann „sehr erschrocken“ gewesen sei und sie selbst sich bemüht habe, „ruhig zu bleiben.“ Eine peinliche Szene für alle Beteiligten. Der Anfang einer Liebesgeschichte, der letzten Liebesgeschichte des Schriftstellers Stefan Zweig.

          Lotte Altmann war in seiner Lebensgeschichte, so wie sie uns überliefert wurde, immer ein weißes Blatt. Die letzte Frau an seiner Seite, die Frau, mit der er gemeinsam 1942 in Petropolis aus dem Leben schied - ein Phantom, wie zufällig an seine Seite geweht, eine unauffällige Sekretärin, der, vielleicht aus zweigschem Pflichtgefühl, vielleicht aus bürokratischen, lebensvereinfachenden Gründen, im September 1939 auch noch ein Trauschein ausgestellt worden war.

          Ein Dachboden in London

          Dass wir dieses Bild von ihr haben, liegt einerseits daran, dass Friderike nach Stefan Zweigs Tod viele Jahre lang quasi allein die Deutungshoheit über dessen Lebens- und Werkgeschichte für sich beanspruchte und dabei auch vor groben Fälschungen, Lügen und Manipulationen nicht zurückschreckte. Auf der anderen Seite liegt es aber offenbar auch an Lotte Altmanns scheuem, zurückhaltendem, außerordentlich an Privatheit interessierten, Wesen, wie man jetzt, in den Briefen ihres Arbeitgebers und späteren Ehemannes, nachlesen kann. Ja, es sind tatsächlich nur die Briefe Zweigs erhalten geblieben, und auch diese galten lange als verschollen, bis sie jetzt, siebzig Jahre nach dem Tod der beiden, auf dem Dachboden des Londoner Hauses von Eva Alberman, der Nichte Lottes, gefunden wurden.

          Zweigs Biograph konnte es kaum glauben.

          “Ich wollte das eigentlich gar nicht anschauen“, sagt sie, als sie vor wenigen Wochen in Leipzig zur Vorstellung des Buches gekommen war. „Privat ist privat, ich fand es nicht richtig, dass ich da rumgucke.“ Aber ihr Sohn war neugierig und energisch genug, um da eben doch einmal genauer hinzusehen und danach auch noch den Zweig-Biographen Oliver Matuschek über seinen Fund zu informieren. Und der las, staunte und konnte es kaum glauben, dass so viele Jahre nach Zweigs Tod noch eine so großartige Entdeckung zu machen war. Er hat die Briefe jetzt im S. Fischer Verlag herausgegeben, und die Lücken, die durch das Fehlen der Briefe Lottes entstehen, hat er mit seinem biographischen Wissen erzählerisch gefüllt, so dass das Buch zu einer unglaublich anrührenden, schönen, beinahe romanhaften Geschichte der letzten Lebensjahre Stefan und Lotte Zweigs geworden ist.

          Am Anfang also war Peinlichkeit und Heimlichkeit. Stefan Zweig wollte, nach jener Entdeckung in Nizza, seiner Frau immer wieder das Geschehene erklären, so hat Friderike es geschildert. Aber sie wollte nichts hören. Sie fand es auch unglaublich peinlich, wusste aber, dass sie diese Konkurrentin nicht ernst nehmen musste, sie selbst hatte sie für ihren Mann als Sekretärin ausgesucht. Harmlos, unauffällig, pflichtbewusst, das war ihr Eindruck von der früh aus Deutschland nach London emigrierten Jüdin Lotte Altmann gewesen. Jetzt wollte sie die Sache durch Schweigen aus der Welt bringen. Das misslang, und bald schon hatte Friderike Zweig für die Konkurrentin einen Spitznamen gefunden, den sie gegenüber Freunden gerne einsetzte: „die Viper“.

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