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Max Frisch: Aus dem Berliner Journal : Ich merke schon meine Scham

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Als Max Frisch 1973 nach Berlin zog, begann er sofort damit, Notizen zu machen. Vor seinem Tod verfügte er eine Sperrfrist für die Publikation. Jetzt erscheinen Auszüge aus dem brillanten „Berliner Journal“. Doch warum nicht alles? Sonderbar.

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          Das Lesen ist am Anfang fast magisch: Nachrichten aus dem Totenreich. Max Frisch ist wieder da. Er ist gerade in Berlin angekommen, Sarrazinstraße 8, Friedenau, gleich nebenan wohnen das Ehepaar Johnson, Grass, Enzensberger. Heute Abend, es ist noch gar nichts eingerichtet, sind die Frischs erst mal eingeladen, bei Familie Grass. Es gibt Nieren.

          Ach. Es ist gar nicht heute. Es ist der 6. Februar 1973, Max Frisch ist zusammen mit seiner Frau Marianne nach Berlin gezogen, weil ihn in Zürich zu viele Menschen kennen, weil es in Berzona im Tessin zu eng geworden ist, weil er in der Schweiz ständig Kopfschmerzen hat, weil es mal wieder an der Zeit ist, ein neues Leben zu beginnen, weil die Arbeit stockt, weil Marianne hier in Berlin diese Wohnung für sie beide gefunden hatte und weil er hier auf Gespräche, Freundschaft, Geselligkeit mit den Schriftstellernachbarn hofft.

          „Ich kann da nicht einen Teil herauslösen“

          Vom ersten Tag an schreibt er mit, bereits zehn Tage später fängt er an, diese Notizen in ein Ringheft einzulegen, und stellt fest: „Ich merke schon meine Scham; ein Zeichen, dass ich beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denke, gleichviel wann es dazu kommen könnte. Und mit der Scham gleichzeitig auch die Rücksicht auf andere, die auch tückisch sein kann, verhohlen, vorallem doch wieder ein Selbstschutz.“

          Er wird noch sieben Jahre an den Notizen schreiben, bis 1980, fünf Ringhefte voll, er nennt das Konvolut „Berliner Journal“, im Gespräch mit Uwe Johnson erklärt er schon wenig später, er wisse kaum noch, was darin stehe, „viel Krudes“ und „Selbstgerechtes“. Johnson ist der Einzige, dem Frisch zu Lebzeiten gestattet, es zu lesen. Im Gespräch mit dem Journalisten Volker Hage, kurz vor seinem Tod, sagt er über das „Berliner Journal“: „Das Tagebuch hat sehr viel mit der Ehe zu tun, darum kann ich es nicht vorlegen, will es auch nicht. Das Ganze ist eine Einheit, alles geht ineinander über, ich kann da nicht einen Teil herauslösen, und ich möchte auch nicht bearbeitend herangehen. Es ist eben kein Sudelheft, sondern ein durchgeschriebenes Buch, auch die privaten Sachen sind ins Reine geschrieben, ausformuliert, nicht einfach nur Notizen.“ Max Frisch hat das „Berliner Journal“ mit einer Sperrfrist versehen, bis zwanzig Jahre nach seinem Tod, „wegen der Beteiligten, die dann weiter davon weg sind“.

          Selbst seine Frau kennt nicht alles

          Die Sperrfrist lief im April 2011 ab. Und in der kommenden Woche erscheint jetzt ein Buch, dem der Suhrkamp Verlag den Titel „Aus dem Berliner Journal“ gegeben hat. Es ist ein Torso, die letzten drei Hefte werden gar nicht veröffentlicht, die ersten beiden nur mit Auslassungen. „Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen“, sagt der Herausgeber Peter Strässle, der die Streichungen in Absprache mit dem Stiftungsrat der Max Frisch-Stiftung vorgenommen hat. Außerdem sei alles, was man weggelassen habe, ohnehin „nicht durchgearbeitet“, nicht „von allgemeinem literarischen Interesse“, lasse „den Werkcharakter vermissen“. Ausschließlich der hier publizierte Teil zeige den Autor Frisch „in seiner ganzen Meisterschaft“. Das ist schon ein sehr selbstbewusster Widerspruch eines Herausgebers und gegen die Einschätzung und den Willen des Autors selbst.

          Und: persönlichkeitsrechtliche Gründe? Die Person jedenfalls, die zuallererst solche Gründe bezüglich eines Tagebuchs ihrer Ehe hätte geltend machen können, hat man gar nicht erst gefragt: Marianne Frisch, die Witwe, Philologin, Übersetzerin, die noch heute in der Wohnung von damals lebt, 74 Jahre alt, beste Gesundheit, hellsichtiger literarischer Verstand, großer Humor, erklärt auf Nachfrage, auch sie kenne nur die publizierten, also zusammengestrichenen Teile, die sie unter Aufsicht im Glaskasten des Max-Frisch-Archivs in Zürich lesen durfte.

          Frisch beherrscht die Kunst der Gegenwärtigkeit

          Die Max Frisch-Stiftung hat schon eine sehr eigenwillige Art, das Persönlichkeitsrecht je nach Stimmungslage und über alle betroffenen Personen hinweg auszulegen. Als man vor einigen Jahren zum Beispiel, gegen Frischs ausdrücklichen Wunsch, das sogenannte dritte Tagebuch aus dem Nachlass publizierte, in dem intime Details aus dem Leben seiner amerikanischen Lebensgefährtin Alice Carey beschrieben wurden, hat man Carey dies, in der stillen Hoffnung, sie werde das im fernen Amerika gar nicht mitbekommen, nicht einmal mitgeteilt. Nicht vor, nicht nach der Publikation. Wer hier ein Persönlichkeitsrecht hat und wie man das auslegt, wen man schützen sollte und wie, das entscheidet der Rat offenbar je nach Laune beziehungsweise eigenen Interessen.

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