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Mark Thompson: Birth Certificate. The Story of Danilo Kis : Auslegungen einer Geburtsurkunde

  • -Aktualisiert am

Bild: Cornell University Press

Vier Seiten umfasst ein autobiographischer Text, den Danilo Kis hinterlassen hat. Mark Thompson nutzt ihn als Sockel für das Denkmal, das er dem jugoslawischen Schriftsteller mit seiner Biographie errichtet.

          Den Nobelpreis, für den er in den achtziger Jahren im Gespräch war, hat er nie bekommen, aber mit Nadine Gordimer und Joseph Brodsky zählen immerhin zwei Nobelpreisträger zu seinen Bewunderern, außerdem Susan Sontag, Milan Kundera, Adam Zagajewski, Péter Esterházy, David Albahari, Salman Rushdie und andere Autorenkollegen. Dabei zog Danilo Kis die Gesellschaft von Malern derjenigen von Schriftstellern allemal vor, und eine seiner tiefsten Freundschaften verband ihn mit dem viel zu früh verstorbenen Maler Leonid Sejka, der heute als einer der bedeutendsten Künstler des untergegangenen Jugoslawiens gilt.

          Sechs Jahre vor seinem Tod hat Kis eine „Geburtsurkunde“ betitelte kurze Autobiographie von vier Seiten Länge geschrieben. Diesen Text hat der britische Historiker Mark Thompson, geboren 1959, als Basis seiner Biographie genommen. Kurz: Er hat ihn in kleine bis kleinste Einheiten zerlegt und einen detaillierten, über dreihundert Seiten langen Kommentar dazu geschrieben, wie man das ähnlich von Roland Barthes’ Balzac-Analyse „S/Z“ kennt. Dieses literarische Verfahren erweist sich als außerordentlicher Glücksfall. Den Bewegungen des Textes folgend, kann Thompson sich an Inhalten orientieren und in der Chronologie springen, ohne dass der Überblick verlorengeht. Sein Buch, das auf einer gut zwanzigjährigen Recherche beruht, ist nicht nur Lebensbeschreibung, sondern mehr noch eine umfassende und gelungene Werkbiographie.

          Weltliteratur als einzig gültiger Maßstab

          Kis hat sich selbst als „ethnographische Rarität“ bezeichnet. Diese Aussage muss man so ernst wie ironisch nehmen. Sohn eines ungarischen Juden und einer montenegrinischen Mutter, wurde er 1935 in Subotica geboren, das damals zum Königreich Jugoslawien gehörte. Sein Vater ist die zentrale literarische Figur seines Werkes, gerade weil er seit 1944 „verschwunden“ war, nach Auschwitz deportiert wurde und „nicht zurückgekehrt“ ist, wie Kis in der „Geburtsurkunde“ schreibt. Wenn die deutschen Lager - und später die sowjetischen - eines der Zentren seines Werks bilden und die Figur des Vaters literarisch überhöht wird, wird der Holocaust doch nie beim Namen genannt. Der Vater bleibt „verschwunden“, so wie die Mutter von Georges Perec, einem Generationsgenossen von Kis, die ebenfalls in Auschwitz umkam und das geheime Zentrum des berühmten Romans „La disparition“ ist. Dem Vater gelten zwei der drei Bücher, mit denen sich Kis in die Weltliteratur geschrieben hat, nämlich „Garten, Asche“ (1965) und „Sanduhr“ (1972).

          “Weltliteratur“ war für Kis, der in den fünfziger Jahren in Belgrad bei dem berühmten Lehrer Vojislav Duric Komparatistik studierte, der einzig gültige Maßstab. Daher muss seine Formel von der „ethnographischen Rarität“ eben auch ironisch gelesen werden. Kis waren jegliche ethnischen Konzepte ein Greuel, wie sie Bestandteil der jugoslawischen Kultur seit der Gründung des Königreichs waren und zu den abstrusesten Rassentheorien führten. Der ausgewiesene Jugoslawien-Kenner Thompson führt das anhand des typologischen Gefasels zweier einflussreicher „Wissenschaftler“ aus jenen Jahren gründlich vor. Kis dagegen verachtete jeden Provinzialismus und alle ethnischen Borniertheiten.

          Schimpftirade über Nationalismus

          Auch das Judentum empfand er nur als Brandzeichen, das zur Verfolgung führte, nicht als Wertesystem oder schützende Gemeinschaft. Er weigerte sich deshalb auch, ein jüdischer Schriftsteller im Sinne etwa der amerikanisch-jüdischen Literatur zu werden. Er mokierte sich über die Bestrebungen, jeden einzelnen Dialekt in Jugoslawien zu einer eigenen Sprache zu verklären, und liebte das Serbokroatische gerade wegen seiner Inauthentizität, seiner Eigenschaft als Lingua franca gegenüber ethnischer Beschränktheit. Die hat dann leider gesiegt. Um 1990, schreibt Thompson lakonisch, „hörte seine Muttersprache auf zu existieren“. Er musste das nicht mehr erleben, so wenig wie die „ethnischen Säuberungen“ in seinem Heimatland, das dann ebenfalls aufhörte zu existieren.

          Es verwundert nicht, dass Kis 1973 in einem Interview mit dem Journalisten Boro Krivokapic die zutreffendste und vernichtendste Kritik des Nationalismus geliefert hat, die mir bekannt ist. Man kann das auf Deutsch in dem Essay- und Gesprächsband „Homo Poeticus“ nachlesen. Er charakterisiert dort den Nationalismus in seiner Grundstruktur als Paranoia und den Nationalisten als jemanden, der seine Identität prinzipiell aus der Abgrenzung zum anderen bezieht. Das ist eine Schimpftirade über vier Seiten auf höchstem intellektuellen Niveau und dazu noch amüsant. Kis dagegen war strikt antiidentitär: kein Wunder angesichts der „ethnischen Rarität“, die er darstellte.

          Ironie, gepaart mit hohem Formwillen

          Ironie als ein Mittel der Distanznahme war ohnehin eines der wichtigsten Werkzeuge seiner Literatur. Deshalb konnte er seinem Vater und dessen Angehörigen literarisch gewissermaßen nicht mehr bis zum Letzten folgen, weil vor Auschwitz alle Ironie versagt. (Er selbst entkam der Deportation, da er nach dem Wunsch seiner Mutter schon früh orthodox getauft worden war.) Dort, wo das Entsetzen und der Schrecken in seinen Büchern zum Ausdruck kommt, ist es oft, ähnlich wie bei Beckett, hochkomisch. Das hat allerdings auch mit den avancierten Formen zu tun, deren er sich bediente. Für Kis war es die Form, die das Erzählen erst in Literatur verwandelte. Er ist seinen Stoffen und Motiven treu geblieben, sie waren von Anfang an da, aber jedes seiner Bücher ist formal anders konzipiert. Er hat niemals dasselbe Buch geschrieben. Kis war kein „wiedererkennbarer Autor“.

          Formal am weitesten ausdifferenziert ist „Sanduhr“, das vier verschiedene Erzählarten und -stränge im Wechsel miteinander kombiniert, darunter auch die von Joyce (der erste große Einfluss aus der Weltliteratur auf Kis) entwickelte Katechismusform. Dies ist jedoch keine formale Spielerei, sondern ergibt sich aus dem ursprünglichen Anstoß zum Roman, einem Brief des Vaters von Kis an dessen Schwester Olga, der dem Sohn erst 1967 in die Hände gefallen ist, „voller Referenzen auf Menschen, Orte und Ereignisse, die Kis kaum entschlüsseln konnte“, wie Thompson schreibt. Er musste sich diesen Brief gewissermaßen mühsam schreibend erschließen, und es liegt nahe, dass dies nur multiperspektivisch geschehen konnte. „Ein gültiges literarisches Experiment überzeugt den Leser von seiner Notwendigkeit“, schreibt Thompson, und im Fall von „Sanduhr“ gelingt das vollkommen.

          Einem Grundkurs Moderne vergleichbar

          So wie beim dritten, 1976 erschienenen Hauptwerk „Ein Grabmal für Boris Davidowitsch“. Diese „sieben Kapitel ein und derselben Geschichte“, wie der Untertitel lautet, sprechen von den sowjetischen Lagern. Es sind Variationen über das „umgedrehte Denken“, das Geständnis nicht begangener Verbrechen nach dem Muster der Moskauer Schauprozesse, wie man das aus Koestlers „Sonnenfinsternis“ kennt. Kis lebte seit Ende der siebziger Jahre als Lektor für serbokroatische Sprache und Literatur in Frankreich. Anstoß zu diesem Buch war sein Entsetzen über die Borniertheit der linken Studenten in Bordeaux, die gut stalinistisch die Existenz der sowjetischen Lager nicht wahrhaben wollten. Es wurde sofort ein großer Erfolg, aber schon bald von einem Belgrader Journalisten namens Golubovic wegen angeblichen Plagiats attackiert.

          „Boris Davidowitsch“ ist voller echter und fiktiver Dokumente und benutzt, montiert und zitiert historische Quellen ebenso wie fiktive, ein Verfahren, das allgemein seit Borges bekannt war. Hier ging es in Wahrheit um Kulturpolitik. Der Journalist war nur ein Strohmann und wurde bald durch einen Literaturwissenschaftler der Universität Belgrad abgelöst, Dragan M. Jeremic, zugleich Präsident des serbischen Schriftstellerverbandes. Kis antwortete in diesem erbitterten Disput mit seinem umfangreichsten Buch, geschrieben in einem Monat und „Anatomiestunde“ betitelt. Darin erklärt er, was Intertextualität ist, wie Montage funktioniert, wie man literarisch mit echten oder fiktiven Dokumenten umgeht und vieles mehr: quasi ein Grundkurs Moderne. Jeremics Antwort darauf zielte auf das „Unserbische“ und „Kosmopolitische“ bei Kis. Kosmopolitismus war schon im Stalinismus ein Schimpfwort gewesen. Kulturpolitisch deuteten sich hier die „ethnischen Säuberungen“ schon an.

          Kein Emigrant im eigenen Land

          Dabei hat sich Kis nie als Emigrant, geschweige denn als Dissident verstanden. Er fuhr häufig nach Belgrad und spottete über die verschiedenen Emigrantenzirkel in den Städten des Westens, die melancholisch im eigenen Saft schmorten. Als ihm allerdings von einem befreundeten Autor die Gründung einer Bewegung „Serbische Autoren gegen Milosevic“ vorgeschlagen wurde, fiel Kis kein serbischer Autor mehr ein, der da mitmachen würde. Das war 1989; im Oktober desselben Jahres ist Danilo Kis an Lungenkrebs in Paris gestorben und wurde in Belgrad beigesetzt.

          Mark Thompson hat ihm ein großartiges Denkmal gesetzt, das an keiner Stelle hagiographisch ist und auch die Schwächen einiger Werke dieses Autors nicht verschweigt. Dieses Denkmal sollte indes kein Grabmal werden. Die Forderung muss daher lauten, erstens die vergriffenen Titel von Danilo Kis auch auf Deutsch wieder zugänglich zu machen und zweitens: diese hervorragende Biographie zu übersetzen.

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