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Mark Thompson: Birth Certificate. The Story of Danilo Kis : Auslegungen einer Geburtsurkunde

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Einem Grundkurs Moderne vergleichbar

So wie beim dritten, 1976 erschienenen Hauptwerk „Ein Grabmal für Boris Davidowitsch“. Diese „sieben Kapitel ein und derselben Geschichte“, wie der Untertitel lautet, sprechen von den sowjetischen Lagern. Es sind Variationen über das „umgedrehte Denken“, das Geständnis nicht begangener Verbrechen nach dem Muster der Moskauer Schauprozesse, wie man das aus Koestlers „Sonnenfinsternis“ kennt. Kis lebte seit Ende der siebziger Jahre als Lektor für serbokroatische Sprache und Literatur in Frankreich. Anstoß zu diesem Buch war sein Entsetzen über die Borniertheit der linken Studenten in Bordeaux, die gut stalinistisch die Existenz der sowjetischen Lager nicht wahrhaben wollten. Es wurde sofort ein großer Erfolg, aber schon bald von einem Belgrader Journalisten namens Golubovic wegen angeblichen Plagiats attackiert.

„Boris Davidowitsch“ ist voller echter und fiktiver Dokumente und benutzt, montiert und zitiert historische Quellen ebenso wie fiktive, ein Verfahren, das allgemein seit Borges bekannt war. Hier ging es in Wahrheit um Kulturpolitik. Der Journalist war nur ein Strohmann und wurde bald durch einen Literaturwissenschaftler der Universität Belgrad abgelöst, Dragan M. Jeremic, zugleich Präsident des serbischen Schriftstellerverbandes. Kis antwortete in diesem erbitterten Disput mit seinem umfangreichsten Buch, geschrieben in einem Monat und „Anatomiestunde“ betitelt. Darin erklärt er, was Intertextualität ist, wie Montage funktioniert, wie man literarisch mit echten oder fiktiven Dokumenten umgeht und vieles mehr: quasi ein Grundkurs Moderne. Jeremics Antwort darauf zielte auf das „Unserbische“ und „Kosmopolitische“ bei Kis. Kosmopolitismus war schon im Stalinismus ein Schimpfwort gewesen. Kulturpolitisch deuteten sich hier die „ethnischen Säuberungen“ schon an.

Kein Emigrant im eigenen Land

Dabei hat sich Kis nie als Emigrant, geschweige denn als Dissident verstanden. Er fuhr häufig nach Belgrad und spottete über die verschiedenen Emigrantenzirkel in den Städten des Westens, die melancholisch im eigenen Saft schmorten. Als ihm allerdings von einem befreundeten Autor die Gründung einer Bewegung „Serbische Autoren gegen Milosevic“ vorgeschlagen wurde, fiel Kis kein serbischer Autor mehr ein, der da mitmachen würde. Das war 1989; im Oktober desselben Jahres ist Danilo Kis an Lungenkrebs in Paris gestorben und wurde in Belgrad beigesetzt.

Mark Thompson hat ihm ein großartiges Denkmal gesetzt, das an keiner Stelle hagiographisch ist und auch die Schwächen einiger Werke dieses Autors nicht verschweigt. Dieses Denkmal sollte indes kein Grabmal werden. Die Forderung muss daher lauten, erstens die vergriffenen Titel von Danilo Kis auch auf Deutsch wieder zugänglich zu machen und zweitens: diese hervorragende Biographie zu übersetzen.

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