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Mark Thompson: Birth Certificate. The Story of Danilo Kis : Auslegungen einer Geburtsurkunde

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Schimpftirade über Nationalismus

Auch das Judentum empfand er nur als Brandzeichen, das zur Verfolgung führte, nicht als Wertesystem oder schützende Gemeinschaft. Er weigerte sich deshalb auch, ein jüdischer Schriftsteller im Sinne etwa der amerikanisch-jüdischen Literatur zu werden. Er mokierte sich über die Bestrebungen, jeden einzelnen Dialekt in Jugoslawien zu einer eigenen Sprache zu verklären, und liebte das Serbokroatische gerade wegen seiner Inauthentizität, seiner Eigenschaft als Lingua franca gegenüber ethnischer Beschränktheit. Die hat dann leider gesiegt. Um 1990, schreibt Thompson lakonisch, „hörte seine Muttersprache auf zu existieren“. Er musste das nicht mehr erleben, so wenig wie die „ethnischen Säuberungen“ in seinem Heimatland, das dann ebenfalls aufhörte zu existieren.

Es verwundert nicht, dass Kis 1973 in einem Interview mit dem Journalisten Boro Krivokapic die zutreffendste und vernichtendste Kritik des Nationalismus geliefert hat, die mir bekannt ist. Man kann das auf Deutsch in dem Essay- und Gesprächsband „Homo Poeticus“ nachlesen. Er charakterisiert dort den Nationalismus in seiner Grundstruktur als Paranoia und den Nationalisten als jemanden, der seine Identität prinzipiell aus der Abgrenzung zum anderen bezieht. Das ist eine Schimpftirade über vier Seiten auf höchstem intellektuellen Niveau und dazu noch amüsant. Kis dagegen war strikt antiidentitär: kein Wunder angesichts der „ethnischen Rarität“, die er darstellte.

Ironie, gepaart mit hohem Formwillen

Ironie als ein Mittel der Distanznahme war ohnehin eines der wichtigsten Werkzeuge seiner Literatur. Deshalb konnte er seinem Vater und dessen Angehörigen literarisch gewissermaßen nicht mehr bis zum Letzten folgen, weil vor Auschwitz alle Ironie versagt. (Er selbst entkam der Deportation, da er nach dem Wunsch seiner Mutter schon früh orthodox getauft worden war.) Dort, wo das Entsetzen und der Schrecken in seinen Büchern zum Ausdruck kommt, ist es oft, ähnlich wie bei Beckett, hochkomisch. Das hat allerdings auch mit den avancierten Formen zu tun, deren er sich bediente. Für Kis war es die Form, die das Erzählen erst in Literatur verwandelte. Er ist seinen Stoffen und Motiven treu geblieben, sie waren von Anfang an da, aber jedes seiner Bücher ist formal anders konzipiert. Er hat niemals dasselbe Buch geschrieben. Kis war kein „wiedererkennbarer Autor“.

Formal am weitesten ausdifferenziert ist „Sanduhr“, das vier verschiedene Erzählarten und -stränge im Wechsel miteinander kombiniert, darunter auch die von Joyce (der erste große Einfluss aus der Weltliteratur auf Kis) entwickelte Katechismusform. Dies ist jedoch keine formale Spielerei, sondern ergibt sich aus dem ursprünglichen Anstoß zum Roman, einem Brief des Vaters von Kis an dessen Schwester Olga, der dem Sohn erst 1967 in die Hände gefallen ist, „voller Referenzen auf Menschen, Orte und Ereignisse, die Kis kaum entschlüsseln konnte“, wie Thompson schreibt. Er musste sich diesen Brief gewissermaßen mühsam schreibend erschließen, und es liegt nahe, dass dies nur multiperspektivisch geschehen konnte. „Ein gültiges literarisches Experiment überzeugt den Leser von seiner Notwendigkeit“, schreibt Thompson, und im Fall von „Sanduhr“ gelingt das vollkommen.

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