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Magnus Florin: Der Garten : Ein Weltvermesser verliert sich im Garten

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Bild: Verlag

Magnus Florin zeigt uns den schwedischen Naturforscher Carl von Linné als Hagestolz, Traumtänzer und unverstandenes Genie, das waghalsig zwischen Zen-Weisheit und Wittgenstein balanciert.

          Dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné hat Hans Magnus Enzensberger 1975 eines der Gedichte seines Mausoleums gewidmet. In der zweideutigen Geschichte des Fortschritts verkörpert der Fanatiker des Messens, Zählens und Ordnens die pedantisch-lebensfeindliche, autoritäre Seite der aufgeklärten Vernunft. In seinem Systema naturae, so heißt es im Gedicht, zeige sich „der Wahn eines Klassikers. / Klar, dürr und lakonisch“.

          So ungefähr erscheint Carl von Linné oder, wie er sich vor seiner Nobilitierung nannte, Linnaeus auch in Magnus Florins vielgerühmter Erzählung „Der Garten“, die bereits 1995 in Stockholm veröffentlicht und sogleich mit dem höchsten schwedischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Auch Magnus Florin zeigt den dürren Klassiker, emsig bemüht um die Vermessung der botanischen und mineralogischen Welt, die ihm am Ende doch misslingt, und auch er zeigt ihn gleichermaßen rastlos und ratlos.

          Zwischen Zen-Weisheit und Wittgenstein

          Denn mit der Erkenntnis, dass die Schöpfung keineswegs stabil ist, dass vielmehr immerfort neue Arten entstehen, wird nicht nur sein Weltbild erschüttert, sondern seine Existenz. Wenn er am Ende eines Todes stirbt, der sich in immer deutlicheren Vorzeichen und Botenfiguren schon unheimlich angekündigt hat, dann lauten seine letzten Worte, feierlich und unverständlich, „Tu Ti!“ Und dennoch gleicht dieser Linnaeus keiner der vielen Versionen, die von den Wissenschaftshistorikern und von Dichtern wie H.C. Artmann, Ivar Lo-Johansson oder eben Enzensberger entworfen worden sind.

          Magnus Florin zeigt uns Linnaeus als Forscher und Hagestolz, als Traumtänzer und als tatsächlich unverstandenes Genie, das in aufblitzenden philosophischen Aperçus waghalsig zwischen Zen-Weisheit und Wittgenstein balanciert. Aber er zeigt ihn auch als eine Figur, die sich allen Festlegungen, ja beinahe der Erzählbarkeit entzieht, eher wie den Helden eines alten und halb vergessenen Märchens denn als eine historische Gestalt.

          Die Aufspaltung des Ichs

          Schüler und Jünger, Kollegen und Konkurrenten umgeben ihn wie ein Zentralgestirn und verlassen ihn, wenn das Gravitationszentrum sich auflöst. Und wie ein pragmatischer Sancho Pansa des donquijottesken Helden erscheint „der Gärtner“ - eine bei näherem Hinsehen umso unheimlichere Gegenfigur, als es mehrere Personen sind, die der Reihe nach diese Position besetzen.

          Das Spiel mit Rollen und Identitäten ist folgerichtig. Denn Florins Text entfaltet, bei aller Akkuratesse der historischen Namen, kein historisches Porträt, sondern vielmehr die subtile Dekonstruktion eines Subjekts. Wie schon der historische Linné sich in seinen Reisebüchern aufspalten kann in ein lateinisch schreibendes gelehrtes und ein ins Schwedische verfallendes erlebendes Ich, so löst er sich in dieser Geschichte auf in flüchtige Sätze und Gesten, die vergebens einen dauerhaften Zusammenhang suchen.

          Kurze, kaum eine Seite umfassende Abschnitte zerlegen das Geschehen in Facetten, die sich locker an der biographischen Chronologie orientieren. Keine streng durchlaufenden Erzählfäden halten sie zusammen, sondern die alogischen Verknüpfungsregeln eines zierlichen und etwas gespenstischen Balletts. Tatsächlich wurde die Erzählung in Stockholm, wo Magnus Florin seit vielen Jahren als angesehener Theaterregisseur arbeitet, schon bald nach ihrem Erscheinen auch in einer Opernbearbeitung inszeniert.

          Immer wieder kehren hier frühere Situationen in Varianten wieder, verknüpfen Reprisen und Rondoformen die Motive über nähere und weitere Abstände zu geheimnisvollen Mustern. Und immer wieder lösen sich realistische Genreszenen in Traumvisionen auf, verzerren sich zierliche Menuette ins Bizarre. Dieser Linnaeus spricht mit den Steinen und den Toten; er spürt den „Geruch rostiger Nägel in der morgendlichen Kälte“ und macht sich Gedanken über „die Glaspest“.

          Die Kontrolle entgleitet

          Alle Wörter, in die er das unbeherrschbare Leben zwingen wollte, wird er am Ende vergessen; wie kleine Vögel hat er sie „hoch in die Luft geworfen“. Und in einer Sequenz von abgründiger Lakonie nimmt er, der vergebens verstehen wollte, „was die Ursache sei für all das Unbegreifliche“, nach und nach die gesamte Schöpfung zurück - in sieben Tagen, die hier notiert werden wie metaphysische Abzählverse.

          In solchen Metamorphosen des Textes spiegelt sich das Entgleiten der Ordnungen, in die sein Held die Welt bannen wollte. Am Ende ist dem Weltvermesser die Kontrolle selbst über den eigenen Garten entglitten; mit der mehrdeutigen Aussicht des letzten seiner Gärtner auf die „enormen Anstrengungen“ der ihm bevorstehenden Arbeit endet der Text. Aber da ist sein trauriger Held schon gestorben.

          Glanz und Scheitern des Optimismus

          Auf weite Strecken liest sich Florins präzise Prosa weniger als Erzählung denn als ein magisches Theater aus den Anfängen der Aufklärung, ein putziger und grausamer Guckkasten des Dixhuitième, ein Drehbuch fürs Kopfkino. Nicht das Imperfekt des Romans ist sein Tempus, sondern das beobachtende Präsens. Was Florin uns sehen lässt, sind Glanz und Scheitern eines grenzenlosen Aufklärungsoptimismus und, in zauberhaft verwirrenden Bildfügungen, sein Umschlagen in eine dunkle Mystik.

          Denn dies alles, so kommentiert der Erzähler am Ende, sei „nicht irgendeine Geschichte, die im Nachhinein erzählt wird“. Was hier gezeigt worden ist, das „liegt im Augenblick und kann aus diesem fallen“. Benedikt Grabinski hat Florins Prosa in ein musikalisches Deutsch übertragen und einen kenntnisreichen Essay über „Linné und Linnaeus“ beigefügt. Nurein Detail der wirklichen Wirkungsgeschichte vermisst man ausgerechnet in diesem Band, der doch den Garten

          im Titel trägt: dass an den großen Botaniker eine sehr kleine Blume erinnert. Mit ihrem unschuldigen Anblick endet Enzensbergers Linné-Gedicht, in einem Bild, das man sich auch in Florins Erzählung denken könnte: „Die Blume, die seinen Namen trägt, Linnaea borealis L., / ist unscheinbar, winzig, und fast ganz weiß.“

          Magnus Florin: „Der Garten“. Roman. Aus dem Schwedischen und mit einem Nachwort von Benedikt Grabinski. Edition Rugerup, Hörby 2013. 95 S., geb., 15,90 €.

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