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Joseph O’Connor: Irrlicht : Sie können sich Ihre Feder ins Tintenfass stecken, Majestät

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Bild: S. Fischer Verlag

Sie war jung und frech, er wurde mit seinem Stück „Der Held der westlichen Welt“ berühmt: Joseph O’Connor erzählt die Liebesgeschichte von Molly Allgood und John Millington Synge.

          Molly Allgood trinkt zu viel und hat zu wenig Geld, von dem manchmal nichts bleibt, um zu essen oder ihr kärgliches Pensionszimmer zu heizen. Am 27. Oktober 1952 begleiten wir die Fünfundsechzigjährige durch ein herbstliches Nachkriegs-London, das noch die Narben der deutschen Luftangriffe aufweist. Sie soll bei der BBC eine Hörspielrolle sprechen, und auf dem Weg zum Sender will sie einen befreundeten Antiquar aufsuchen, weil sie in ihrer Not hofft, den einzigen Brief verkaufen zu können, der ihr von der Liebe ihres Lebens geblieben ist. Geschrieben hat ihn John Millington Synge, einer der führenden irischen Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Der Brief ist erfunden, doch die Liebe gab es tatsächlich. Sie inspirierte Joseph O’Connor zu „Irrlicht“, seinem siebten Roman. Es ist ein äußerst ungleiches Paar, das O’Connor zu seinen Hauptfiguren macht. Der polyglotte Synge, 1871 geboren, studierte erst am Trinity College, dann in Deutschland, Italien und Frankreich. Er gehörte zu den Gründern des Abbey Theatre in Dublin, das er mit William Butler Yeats und Lady Augusta Gregory leitete. Die sechzehn Jahre jüngere Molly kam dagegen nach dem Tod ihres Vaters in ein Waisenhaus, floh zurück zur Mutter, begann eine Ausbildung als Näherin und folgte schließlich ihrer älteren Schwester Sally an das Abbey Theatre, wo sie unter dem Künstlernamen Maire O’Neill in ersten Nebenrollen auftrat.

          Hübsche Boshaftigkeiten und bitterer Witz

          Bei einer Theaterprobe lässt O’Connor die unbändige Achtzehnjährige und den pedantischen Dramatiker aneinandergeraten. Synge missfällt, wie Molly eine seiner Zeilen spricht. Er solle es doch selbst auf der Bühne vormachen, fordert sie. Synge bietet ihr spöttisch eine Feder an, damit sie das ganze Stück neu schreibe. Er wisse, wo er seine Feder hinstecken könne, pariert die Aufmüpfige. Synge warnt: „Ich rufe Lady Gregory.“ Molly, keck: „Ich sprach von Eurem Tintenfass, Majestät.“ In solchen Szenen überzeugt O’Connor mit einem Gespür für hübsche Boshaftigkeiten und bitteren Witz.

          Bald nach dem Probenstreit sind die beiden ein Paar. „Irrlicht“ zeigt das Glück der Liebenden wie die Probleme, denen sie sich stellen müssen, wenn sie aneinander oder an den Umständen der Zeit verzweifeln. Yeats und Lady Gregory halten die Beziehung für unstandesgemäß und fürchten Schaden für die Disziplin des Theaters. Synge will die Verlobung verheimlichen. Er lebt bei seiner Mutter, die ihm mit dem Familienvermögen das Schreiben finanziert. Molly ist Synges Muse bei der Arbeit an „Der Held der westlichen Welt“. Die Premiere in Dublin gerät zum Skandal, weil irische Nationalisten das Stück über einen vermeintlichen Vatermörder als Nestbeschmutzung auffassen. Heute gilt es als ein Klassiker des irischen Dramas. Mit der weiblichen Hauptrolle erspielte sich Molly ihren Ruhm.

          Gelungenes Porträt einer brüchigen Künstlerin

          Das Paar wird nie heiraten. Synge litt am Hodgkin-Lymphom, einer Tumorerkrankung, und starb mit siebenunddreißig Jahren. Seine Verlobte überlebte ihn um mehr als vier Jahrzehnte. Auch von dieser Zeit erzählt O’Connor - von den Bühnentriumphen, den Amerikatourneen, den Kindern aus einer späteren Ehe. Am Ende fügt er den Hinweis auf „große Freiheiten im Bereich der Fakten“ an. Doch durch Mollys fragmentarische, alkoholgetrübte Perspektive ist die Zweifelhaftigkeit schon im Text selbst deutlich geworden.

          Der Ablauf des einen Tages in London dient zwar als Zeitgerüst des Romans, aber daran hat man wenig Halt im mitreißenden Wirbel der Erinnerungen. Joseph O’Connor gelingt ein brüchiges Porträt der Künstlerin als einer alten Frau, weil Molly, die große Schauspielerin, uns als einsam, verletzt, versoffen, doch unbeugsam begegnet. Die Lebenden belügt sie, die Toten trifft sie in ihren Tagträumen. Mit den Geistern der Vergangenheit pflegt sie innigeren Umgang als mit ihren Mitmenschen.

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