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Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees : In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort

Bild: Verlag

Mit Kimmo Joentaa hat Jan Costin Wagner einen vom Schicksal gebeutelten Ermittler geschaffen. Doch der fünfte Fall des finnischen Kommissars will mehr sein als ein Kriminalroman.

          Es ist ein reibungsloser Übergang vom Alltag zum Ausnahmezustand, vom Glück zur Trauer, vom Leben zum Tod. In Jan Costin Wagners neuem Roman „Tage des letzten Schnees“ tritt er bereits auf der fünften Seite der Handlung ein. „Lasse Ekholm sah ein Licht, er spürte es mehr, als dass er es sah, es war in seinem Rücken, es kam plötzlich, und es schien ungewöhnlich hell. Er drehte sich wieder zu Anna um, die immer noch lachte, und im letzten Augenblick glaubte er, eine Irritation in ihren Augen wahrzunehmen. Ihr Mund war leicht geöffnet, und vielleicht hatte sie Angst in der letzten Sekunde, aber das konnte er nie mit Sicherheit sagen, obwohl er später oft darüber nachdachte.“ Denn sobald Lasse Ekholm wieder zu sich kommt, ist seine Tochter Anna tot, gestorben bei einem Autounfall auf noch schneeglatter Straße am Abend des 1. Mai.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist ein geradezu klassischer Einstieg in eine Spannungshandlung, die Wagners Verlag bewusst nicht als Kriminalroman ausweist, obwohl das Buch mit den Mustern der Gattung arbeitet. Wagner führt uns wieder, zum fünften Mal bereits seit 2003, an die Seite des melancholischen Kommissars Kimmo Joentaa. Wir haben also eine vertraute wiederkehrende Figur als Ermittler, der durch den frühen Krebstod seiner Frau in eine tiefe Seinskrise geworfen wurde, aus der er sich auch im neuen Buch zu retten versucht.

          Eine Geschichte, die nicht erzählt wird

          Wir haben eine Tote gleich zu Beginn, die kein Mordopfer, aber durch die Schuld jenes Rasers, der Ekholm im Dunkeln geblendet hat, gestorben ist. Und wir haben ein skandinavisches Setting, wobei die psychologisch ausgefuchsten Geschichten von Wagner mit dem gängigen Klischee vom Schwedenkrimi nicht nur deshalb nichts zu tun haben, weil das Ganze in Finnland spielt.

          Um aufzuklären, was am Abend des 1. Mai genau geschehen ist, muss der Leser nicht so lange warten wie Joentaa, der den Fall mit gewohnt durch Trauer sensibilisiertem sozialen Einfühlungsvermögen gemeinsam mit den uns gleichfalls vertrauten Polizeikollegen aus seiner Heimatstadt Turku und dem nahe gelegenen Helsinki erst im August abschließen kann. Der Autor Wagner legt die Karten scheinbar früh auf den Tisch: Wer für Annas Tod verantwortlich ist, weiß man bald, auch warum. Doch was die Kette der Ereignisse ausgelöst hat, die im Tod des Mädchens nicht einmal gegipfelt haben, ist nicht so offensichtlich, wie es scheint - nicht nur, weil einzelne Abschnitte des Buchs mit der Formulierung „In einer Geschichte, die nicht erzählt wird“ überschrieben sind. Ein Paradox und doch wahr, denn Wagner hält wie jeder guter Spannungsautor einige Dinge zurück.

          Am Puls der Gegenwart

          Ein Reiz der Lektüre entsteht also doch aus dem traditionellen Prinzip des Whodunnit, wenn auch nicht auf der Suche nach dem, der die erste Untat zu verantworten hat. Und überhaupt: Nach wem suchen wir denn in diesem Roman? Diese Frage stellt sich zum Schluss noch einmal neu, wenn Wagner tatsächlich eine Überraschung gelingt, mit der nicht zu rechnen war.

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