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Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees : In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort

Aber gleichzeitig stecken für einen Krimi auch sehr viele Erzählebenen im Buch. Es gibt vier Hauptstränge, und zumindest einer davon, derjenige, der sich dem von seinen Mitschülern schikanierten Teenager Unto Beck widmet, der nach dem Vorbild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik Vergeltung plant, wirkt zunächst arg gezwungen. Da sich aber dieses Element doch noch in jeder Hinsicht zwingend ins Geschehen fügt, kann man Rückschlüsse ziehen auf das Selbstverständnis Wagners, der als Autor noch viel mehr an der Verankerung seines traurigen Helden in der unmittelbaren Gegenwart interessiert ist, als wir bislang vermuteten.

Breiviks Schreckenstat vom Sommer 2011 erfolgte unmittelbar nach Fertigstellung des vorletzten Joentaa-Romans „Das Licht in einem dunklen Haus“. Sie forderte Wagner heraus. Für kein anderes der vier Vorgängerbücher hat er sich so viel Zeit genommen wie für „Tage des letzten Schnees“. Dass nun rechtzeitig zu dessen Erscheinen nicht nur in Deutschland intensiv über Prostitution und Zuwanderung, die hier auch gewichtige Rollen spielen, diskutiert wird, bestätigt Wagners eigenes soziales Einfühlungsvermögen.

Alle sind einsam

Die Perspektiven im Roman wechseln sich ständig ab, es wird aus dem Blickwinkel von einem halben Dutzend Protagonisten erzählt. Als Orientierung dienen zu Beginn eines neuen Zeitabschnitts im Regelfall Monatsnamen, doch zwei Erzähllinien werden absichtlich im Vagen gelassen, die eine durch die Rede von der „Geschichte, die nicht erzählt wird“, die andere durch die Überschrift „In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort“, womit der tödliche Eskapismus treffend bezeichnet ist, von dem darin berichtet wird.

„Tage des letzten Schnees“ verlangt in der Tat eine andere Aufmerksamkeit als ein Kriminalroman. Es ist eine Studie über Einsamkeit, nicht nur die von Kimmo Joentaa, sondern auch die des Elternpaars von Anna, das sein einziges Kind verloren hat und miteinander nun ebenso wenig anzufangen weiß wie die Umwelt mit seinem Leid. Es sind lauter vereinsamte Menschen, die hier durch just dieses Defizit einander begegnen und weh tun, und wenn es denn doch einmal eine Familie gibt, die als heiles Spiegelbild der zerstörten von Lasse Ekholm dienen könnte, trägt sie den Keim ihrer Auflösung - eine eingebildete Einsamkeit aus Überdruss am guten Gewöhnlichen - schon in sich.

Sagen Finnen „Passt schon“?

Doch so geschickt das beobachtet und erzählt wird, kommt denn doch diesmal der finnische Handlungsschauplatz mit seinen Eigenheiten zu kurz. Der einundvierzigjährige Wagner ist mit einer Finnin verheiratet und lebt teilweise in Finnland, doch die Szenerie, die er seiner Handlung gibt, kommt nicht über Versatzstücke einer x-beliebigen urbanen Gesellschaft hinaus, die abgesehen von den Namen der Figuren und der Tatsache, dass eben am 1. Mai noch letzter Schnee fällt (und am 1. September dann schon wieder erster), überall in der nordalpinen Speckschicht Europas liegen könnte. Und spricht die wiederholte Formulierung „Passt schon“ mit ihrem spezifisch süddeutschen Einschlag wirklich in die Dialoge von Finnen? Es fehlt Wagner diesmal verblüffenderweise an lokalem Einfühlungsvermögen.

Das ändert aber nichts an der Bewunderung für die Tatsache, dass hier ein deutscher Schriftsteller eine Krimiserie geschaffen hat, die international ihre Leser findet. Eine Verfilmung gibt es mit „Das Schweigen“ von 2010 auch schon. Eine gute Ausstattung könnte im Falle von „Tage des letzten Schnees“ ja wiedergutmachen, was Jan Costin Wagner versäumt hat.

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