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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki : Murakamis magische Masche

Bild: Verlag

Wie kann man nur, Buch für Buch, ein Meisterwerk nach dem anderen schaffen? Mit seinem Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ist es dem Japaner Haruki Murakami wieder einmal gelungen.

          6 Min.

          Am Freitag erschien die deutsche Übersetzung des jüngsten Romans von Haruki Murakami, und am Sonntag wird der erfolgreichste japanische Schriftsteller 65 Jahre alt. Doch wie „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ beweist, ist Murakami jung geblieben: jung, weil es ein Buch ist, das einem das faszinierende Gefühl von einem Autor vermittelt, der sich immer noch selbst zu überraschen versteht, und jung auch deshalb, weil Murakami trotzdem an Themen und Konstellationen anknüpft, die am Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn standen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das mag seinen Grund im Atemholen nach dem dreiteiligen Opus magnum „1Q84“ haben, das im Original 2009 und 2010 erschien und in der deutschen Übersetzung mehr als 1500 Seiten umfasst. Ein solcher Wurf ist nicht zu wiederholen. Darin war ein neuer Murakami zu finden, der wie selbstverständlich das Phantastische zum Bestandteil der Handlung machte, Japans Sagenwelt einbezog, auf klassische Erzählmuster seiner Heimat rekurrierte. Das strafte jene Interpreten Lügen, die gebetsmühlenartig die Rede vom „westlichen Japaner“ wiederholen.

          Am Rande des Selbstmords

          Ja, Murakami ist nicht nur ein gegenwärtiger Meister der Weltliteratur, er hat sich auch an seinen Vorgängern geschult. Aber mit „1Q84“ hatte er auch die Anstrengung zu vollbringen, divergierende Genres und Traditionen miteinander zu verknüpfen und das doch so leichthändig wirken zu lassen, wie es das Markenzeichen seines Erzählens ist. Wobei die Basis von Murakamis Schaffen stets der Abgrund ist. Und wir als Leser tänzeln mit seinen Figuren daran entlang, ohne zu wissen, wie uns geschieht. Das ist die Murakami-Masche.

          Sie funktioniert perfekt. Im Zentrum von „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ steht ein Verbrechen, das nie aufgeklärt wird. Durch Umstände, die gleichfalls nie aufgeklärt werden, ist der damals zwanzigjährige Tsukuru Tazaki aus seiner Clique gerissen worden, der seit der Schulzeit fünf Jugendliche angehörten: zwei Mädchen und drei Jungen. Sechzehn Jahre später bemüht sich Tsukuru endlich darum zu klären, was ihm seinerzeit widerfahren ist und ihn an den Rand des Selbstmords brachte - aber eben auch nicht darüber hinaus.

          Ist Liebe Glück oder Unglück?

          In unnachahmlichem Murakami-Tonfall, den wir seiner Übersetzerin Ursula Gräfe verdanken, heißt es gleich zu Beginn des Buchs: „Vielleicht war seine Sehnsucht nach dem Tod zu wahrhaftig und zu tief, um tatsächlich den Versuch zu machen, sich umzubringen. Auch wenn dieses Problem eher zweitrangig war. Hätte es in seiner Reichweite eine Tür gegeben, die direkt in den Tod führte, er hätte sie ohne Zögern aufgestoßen. Ohne zu überlegen, als natürliche Konsequenz. Doch glücklicher- oder unglücklicherweise konnte er eine solche Tür nicht finden.“

          Es bleibt meist offen bei diesem Schriftsteller, ob die Dinge Glück oder Unglück bedeuten, vor allem die Liebe. Für diese Erkenntnis aber benötigt Murakami Protagonisten, die schon die notwendige Lebenserfahrung haben. So ist denn auch Tsukuru im Lieblingsalter seines Autors: Mitte bis Ende dreißig. Toru, der Protagonist aus Murakamis erstem internationalen Erfolg, „Naokos Lächeln“ (1987), war siebenunddreißig, genauso wie Hajime aus „Gefährliche Geliebte“ (1992), dem Buch, mit dem der Japaner in Deutschland bekannt wurde, als es vor dreizehn Jahren übersetzt wurde. Tsukuru nun ist sechsunddreißig.

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