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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki : Murakamis magische Masche

Der symbolische Kaiser

Die Schweiz aber weckt bei Japanern die Assoziation mit Schnee, und damit sind wir beim „Weiß“, wie jenes der beiden Mädchen der Clique auf Japanisch gerufen wurde, in das Tsukuru verliebt war: Shiro (weiß) als Kurzform ihres Nachnamens Shirane (weiße Wurzel). Das andere Mädchen hieß mit Familiennamen Kurono (schwarzes Feld), die beiden Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer). Nur Tsukuru Tazaki trägt keine Farbe im Namen.

Solch ein Namensspiel mag dem westlichen Leser gesucht wirken, doch die meisten japanischen Namen sind derart sprechend. Auch das ungewöhnliche „1Q84“ als Romantitel ist für Murakamis Landsleute sofort verständlich, weil es, japanisch ausgesprochen, genauso klingt wie „1984“. Doch über die Vieldeutigkeit der asiatischen Sprachen hinaus ist der Verweis auf die Farben im neuen Buch auch hochsymbolisch. Weiß ist in Japan die Farbe des Todes, und es ist kein Zufall, dass Shiro diesen Namen trägt. Und wenn man über die Farbe nachdenkt, die Tsukuru in diesem Quintett zukäme, so bliebe angesichts von Schwarz, Weiß und den beiden Grundfarben Blau und Rot nur noch Gelb. Das aber ist in Japan die Farbe des Kaisers.

Vielleicht war alles nur ein Traum

Tsukuru ist gar nicht farblos, er empfindet sich nur so, dabei ist er die farbigste Figur. Kompensation findet er wie auch schon Hajime in „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ in erotischen Träumen, doch sie sind verstörend. In ihrer surrealen Welt findet Murakami zu einer Beschreibungsgenauigkeit, die nicht anders genannt werden kann als unheimlich. Ihm gelingt es, Traum und Wirklichkeit in seinen Büchern so ineinander übergehen zu lassen, dass die Grenzen verschwimmen und die Nachtmahre zutage treten.

Ein Musterbeispiel dafür ist Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ aus dem Jahr 2005, die jetzt erstmals auf Deutsch publiziert wird, eigens illustriert von der Berliner Zeichnerin Kat Menschik, die bereits zwei andere Geschichten des Schriftstellers grandios bebildert und ihn damit auch selbst begeistert hat.

„Die unheimliche Bibliothek“ erzählt von einem Halbwüchsigen, der sich Bücher ausleihen will und vom Bibliothekar in die tiefsten Keller des Gebäudes verschleppt wird, wo man ihn fortan gefangen hält. In der Person eines ihn mit Essen versorgenden Schafmanns, der direkt der japanischen Geisterwelt der yokai entsprungen sein könnte, findet der Junge eine Vertrauensperson, die ihm zur Flucht verhilft. Doch draußen scheint die Zeit stillgestanden zu sein, und ob alles nicht doch nur ein Traum war, kann nicht einmal der Erzähler selbst entscheiden, dem das Schlimmste noch bevorsteht.

Haruki Murakami gilt seit Jahren als der heißeste Favorit auf den Literaturnobelpreis.

Es sind auch solche Kabinettstückchen der Erzählkunst, die Murakami als einen Meister erweisen, der zu Recht seit Jahren als der heißeste Favorit auf den Literaturnobelpreis gilt. Mit jedem Buch, das er beim Warten auf die überfällige Auszeichnung schreibt, beschämt er das Nobelpreiskomitee aufs Neue.

„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ endet mit einer der hoffnungsvollsten Erkenntnisse, die Murakamis Protagonisten bislang vergönnt gewesen sind: „Nicht alles verschwindet im Fluss der Zeit“, stellt Tsukuru fest. „Damals haben wir bedingungslos an etwas geglaubt. Wir hatten die Fähigkeit, an etwas zu glauben. Sie kann doch nicht so einfach völlig verschwunden sein.“ Die Zuversicht der Jugend - das ist das, was alle Figuren in diesen Büchern zu bewahren suchen. Das macht die Murakami-Masche so ewig jung.

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