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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki : Murakamis magische Masche

Musikalische Titel

Das ist kein Zufall, und diese drei Romane haben noch mehr miteinander zu tun als nur die Lebensphase, in der sich ihre Helden befinden. Alle drei Bücher tragen im japanischen Original ein Musikstück im Titel, doch das wurde in zwei Fällen von den deutschen Fassungen verleugnet, die mit Verweisen auf die jeweils zentrale Liebeshandlung locken wollten.

„Naokos Lächeln“ heißt in Japan nach einem Lied der Beatles „Norwegisches Holz“ (noruwei no mori), „Gefährliche Geliebte“ ist eigentlich „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ benannt - die erste Hälfte verdankt sich dem Titel des Standards „South of the Border“ von Nat King Cole.

Immerhin trägt dieser Roman seinen authentischen Titel seit vergangenem Jahr endlich auch auf Deutsch, denn Dumont, Murakamis hiesiger Verlag von Beginn an, hat ihn noch einmal übertragen lassen, diesmal von Ursula Gräfe aus dem Japanischen, nachdem 2000 aus Bequemlichkeit noch die englische Übersetzung herangezogen worden war, was damals eine heftige Diskussion über die Zulässigkeit einer solchen Version aus zweiter Hand ausgelöst hatte. Für die willkürliche Änderung des Titels durch den deutschen Verlag - im Englischen heißt er originalgetreu „South of the Border, West of the Sun“ - hatte sich dagegen niemand interessiert.

Liszts grundlose Traurigkeit

Dabei ist Murakami ein Autor, der es wie kaum sonst einer beherrscht, Stimmungen zu erzeugen, auch und gerade durch Namen. Seine Bücher sind für ihn dabei mindestens ebenso sehr Persönlichkeiten wie deren Figuren, und ihre Titel sind deshalb im buchstäblichen Sinne bezeichnend. Die „Pilgerjahre“ aus dem jüngsten Werk zitieren Franz Liszts 1855 veröffentlichte „Années de pèlerinage“, einen Zyklus von Klavierstücken, den Tsukuru in seiner Studentenzeit kennenlernte, nach der Verstoßung aus dem Freundeskreis.

Besonders beeindruckte ihn davon „Le mal du pays“, weil es so genau dem eigenen Zustand entsprach: „Allgemein heißt das so etwas wie Heimweh oder Sehnsucht, aber genaugenommen ist es die ,grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen der Menschen weckt‘. Der Ausdruck ist schwer zu übersetzen.“

Rätselhafte Anspielungen

In „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ gibt es eine ähnliche Affinität zur Musik, zum Titelstück wie zu einem anderen amerikanischen Klassiker, „The Star-Crossed Lovers“ von Duke Ellington. Sobald das Stück erklingt, erinnert sich auch Hajime an sein Dasein als Student, und man darf angesichts der Wiederkehr dieses Motivs ein autobiographisches Bekenntnis Murakamis darin sehen: „Wann immer die träge, schöne Melodie ertönte, musste ich an diese Zeit denken. Ich konnte nicht behaupten, dass sie glücklich gewesen war. Mein Leben war damals voller unerfüllter Sehnsüchte gewesen. Ich war jünger, hungriger und einsamer, aber auf eine einfache, klare Weise ich selbst. Damals spürte ich, wie jeder Ton der Musik, die ich hörte, jede Zeile der Bücher, die ich las, in mich eindrang. Meine Sinne waren scharf wie Klingen. In meinem Blick leuchtete ein helles Licht, das andere durchdrang. So war ich damals.“ Diese letzte lapidare, aber entscheidende Bekräftigung fehlte übrigens in „Gefährliche Geliebte“, der ursprünglichen Übersetzung des Romans aus dem Englischen.

Man muss die Spuren ernst nehmen, die Murakami in seinen Details auslegt, namentlich in der Musik. Wenn man sich „Le mal du pays“ anhört, wird man verstehen, was Tsukuru daran so bewegte. Das Stück beginnt mit einer klagenden Folge von jeweils vier Tönen, und natürlich wird damit die Erinnerung an die vier verlorenen Freunde evoziert. Zudem entstammt das Stück dem ersten Teil von Liszts „Années de pèlerinage“, der mit „Suisse“ betitelt ist.

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