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Fawwaz Haddad: Gottes blutiger Himmel : In beiden Kammern dieses Herzens tobt der Terror

Bild: Aufbau Verlag

Der Syrer Fawwaz Haddad erzählt in „Gottes blutiger Himmel“ von einem Vater, dessen Sohn zum Gotteskrieger wurde.

          Es ist ein ganz normaler Morgen im Irak. In der „grünen Zone“, jenen vom Rest der Stadt abgeschirmten Vierteln Bagdads, die von den Amerikanern in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt wurden, besuchen Angehörige und Mitarbeiter der Besatzungstruppen Einkaufszentren, Schwimmbäder oder Sportstudios. Junge Soldatinnen joggen in Shorts durch die Straßen. In der Lobby eines Hotels verliest ein Fernsehmoderator die Kurznachrichten: Bei zwei Autobombenanschlägne werden neun Menschen getötet und zwanzig weitere schwer verletzt. Ein Selbstmordattentat in Diyala kostet 24 Menschenleben, ein weiteres in Sadr City fordert neun Tote. Die Zahl der Verletzten beläuft sich auf insgesamt 140. In Baquba löschen Unbekannte eine sechsköpfige Familie aus, die in einem Kleinbus unterwegs war. In verschiedenen Teilen der Stadt werden 44 verstümmelte Leichen gefunden. Das ist die vorläufige Bilanz eines ganz normalen Tages im Irak des Jahres 2006, betrachtet von einem bis vor kurzem an all dem gänzlich unbeteiligten Mann in der klimatisierten Lobby seines Hotels in der „grünen Zone“.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Etwa zweihundert Seiten später sitzt derselbe Mann wieder vor einem Fernseher und verfolgt zusammen mit einigen jungen Männern die Aufzählung der neuesten Attentate und Terroranschläge. Komfort und Sicherheit der „grünen Zone“ sind weit entfernt, er ist auf dem Land, einige Autostunden von Bagdad entfernt. Im Fernsehen sind jetzt Bilder von einer Busstation in Bagdad zu sehen, an der sich ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in die Luft gesprengt hatte. Die Opfer sind Pendler, Passanten, kleine Händler, Schuhputzer. Als die Kamera auf die Überreste des Autos schwenkt, in dem eine verkohlte Leiche zu erkennen ist, die mit dem Metall verschmolzen zu sein scheint, schreit einer der Männer auf: „Gott hab dich selig, Abu Salih, mögest du im Paradies weilen!“ Ein ganz normaler Tag im Irak: Eine Terrorzelle von Al Qaida zieht Bilanz.

          Eine Reise ins Herz der Finsternis

          Dasselbe Ereignis, aber aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, das ist das zentrale Verfahren, das der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad in seinem Roman „Gottes blutiger Himmel“ immer wieder variiert. Sein Ich-Erzähler, ein um seinen fundamentalistischen Sohn besorgter Vater, fungiert dabei als wankelmütiger, zuweilen vor Angst und Entsetzen am ganzen Körper zitternder Kameramann, der das Objektiv schon allein deshalb nicht ruhig halten kann, weil sich sein eigener Blick auf die Geschehnisse unablässig verändert. Zum einen wird er überrollt von den Ereignissen, von ihrer unvorstellbaren Gewalt und Grausamkeit, zum anderen hat er die ausgeprägte Neigung, sich in sein jeweiliges Gegenüber zu versetzen und dessen Blickwinkel nachzuvollziehen, gleichviel, ob es sich um Al-Qaida-Kämpfer oder einen amerikanischen Offizier, um Kollaborateure, Söldner, nach Sühne dürstende Folteropfer oder eine von den Gesetzen der Blutrache gejagte Familie handelt.

          Und drittens lässt Haddad seinen Erzähler halbtot, schwer traumatisiert und ohne Gedächtnis aus Bagdad in seine syrische Heimat zurückkehren. Er wollte seinen Sohn Saner suchen, der von einer Urlaubsreise ans Meer nicht zurückgekehrt war, weil er sich längst als Al-Qaida-Kämpfer im Irak verdingt hatte. So kommt es zu der wahnwitzigen, selbstmörderischen Reise, von der dieser Roman rückblickend erzählt: einer Reise ins Herz der Finsternis der arabischen Welt, in deren linker Herzkammer der islamistische Terror tobt, während in der rechten die amerikanischen Besatzer und ihre Hilfstruppen wüten.

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