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Geiserichs Vandalen : Die Herrschaft der römischen Barbaren

  • -Aktualisiert am

Ein Jahrhundert genügte ihnen, um Geschichte zu schreiben: Roland Steinacher erzählt vom Aufstieg und Untergang der Vandalen und warum ihr Ende zufällig kam.

          4 Min.

          Im alten Europa war es noch möglich, ohne Imageschaden den Glanz der eigenen nationalen Vergangenheit durch die vermeintliche Abkunft von den Vandalen zu vergrößern. Der schwedische Monarch trug sogar den Titel eines Königs der „Schweden, Goten und Vandalen“. Seitdem freilich 1794 Henri Grégoire für das Zerstörungswerk radikaler Jakobiner den Begriff Vandalismus prägte, haftet an den Vandalen ein notorisch schlechter Ruf.

          Um die Rehabilitierung dieses ostgermanischen Volks, das von 429 bis 534 in Nordafrika herrschte und 455 Rom plünderte, geht es Roland Steinacher in seinem neuen Buch nicht, wohl aber um historische Einordnung und Beseitigung von Mythen. Das geschieht im breiten Kontext der jüngeren Forschung, die von einer „Völkerwanderung“ nichts mehr wissen will und für die die Westgoten, Vandalen oder Sueben keine scharf abgrenzbaren ethnischen Gruppen, sondern zunächst eher Untergruppen des römischen Militärs sind. Steinacher nennt an einer Stelle, scheinbar paradox formulierend, die Vandalen „römische Barbaren“. Dabei ist „Barbar“, wohlbemerkt im wertneutralen oder positiven Sinn, wie das daraus abgeleitete „bravo“ zu verstehen. Die von den Vandalen in der Zeit ihrer afrikanischen Herrschaft weiter gepflegte ostgermanische („gotische“) Sprache ihrer Ahnen oder die homöische (vulgo „arianische“) Religion sind keine distinktiven Merkmale, durch die sich die kleine hauchdünne vandalische Oberschicht ihrer Identität gegenüber einer römischen Bevölkerungsmehrheit versichert hätte, und eine besondere Vandalentracht hat es nicht gegeben.

          „Germanisch-barbarische“ Illusionen

          Das Grundthema der Forschung zur sogenannten Ethnogenese, dass nämlich die frühmittelalterlichen „gentes“, Elemente ihrer germanischen Herkunft aufgreifend und verstärkend, sich in Abgrenzung zum römischen Umfeld, aber oft mit Mitteln römischer Kultur, als Besonderheiten konstituierten, klingt beim Autor eher schwach an. Ein Prozess, der einem „nation building“ gleichen könnte, kommt bei den Vandalen, obwohl nicht nur Könige, sondern auch eine Aristokratie existierten, nicht recht in Gang, und während der hundertjährigen Existenz des Reiches bedeutet „Vandale zu sein“ vor allem „die Chance, als Soldat ein Auskommen zu haben“. Als die Reste der besiegten Vandalen in das Heer Justinians eingeordnet werden, werden sie nach ihrem Dienst für das Königreich wieder das, was sie eigentlich von Anfang an waren, nämlich „römische Soldaten“.

          Den kontrastierenden Vergleich mit anderen germanischen Reichen unternimmt Steinacher nur gelegentlich. Das liegt nicht nur daran, dass für ihn der gemeinsame Nenner „germanisch-barbarisch“ zu allgemein und teilweise auch illusorisch ist. Vielmehr erklärt sich für ihn das Phänomen des Vandalenreichs vor allem aus dem Kontext der vielen regionalen Machtbildungen, die im zerfallenden Imperium Romanum auf nordafrikanischem Boden sukzessive entstehen, etwa die Herrschaft des Heraclianus oder Bonifatius, aber auch die weiterer Potentaten, deren Identität zwischen römischem General, römischem Usurpator und „maurischem“ Berberchef oszillierte. Von diesen Machtbildungen hebt sich das Königreich der Vandalen allenfalls durch seine Dauer oder durch seine besonderen Kontakte zum theodosianischen Herrscherhaus und sein Mitspielen in der Reichspolitik ab.

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