https://www.faz.net/-gr0-877nr

Jonathan Franzens neuer Roman : Das Internet ist die DDR von heute

Legt seinen fünften Roman vor: Jonathan Franzen Bild: Helmut Fricke

Die Helden des großen amerikanischen Erzählers Jonathan Franzen hatten bisher alle ein Dach über dem Kopf. Jetzt zappeln sie im Netz der Manipulation. Franzens neuer Roman, „Unschuld“, sucht die Reinheit.

          Das Wesen der Manipulation ist paradox. Weil es ihr gelingt, sich durch das Fehlen sichtbarer Gewalt als jene Freiheit auszugeben, die sie in Wahrheit entzieht. Es kann daher kein Zufall sein, dass sich Jonathan Franzen nach seinem letzten Roman „Freiheit“ nun mit dieser subtilsten aller Einflussnahmen beschäftigt. Und was für ein Stoff gibt die verdeckte, unmittelbar auf die menschliche Seele wirkende Technik für einen Roman ab! Denn was für den Einzelnen gilt, gilt ja auch für die Masse. Bei Franzen sind in der Hand der großen Verführer alle Menschen knetbar – ob als Bürger, Geliebte, Internetnutzer oder Angestellte. Auf der Mikroebene des Privaten ist das schleichende Gift dabei so wirksam wie auf der Makroebene von Organisationen, Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen. In „Unschuld“ wird manipuliert, was das Zeug hält, immer aber zum Zwecke eines fremden Vorteils. „Ihr war dabei“, heißt es über die junge Heldin Pip einmal, „als hätte man ihr den Schädel aufgeklappt und das Gehirn mit einem Holzlöffel umgerührt. Sie war noch immer weit davon entfernt, sich ihm zu unterwerfen, und doch war er einen Moment lang so tief in ihrem Kopf gewesen, dass sie spürte, wie es geschehen konnte.“

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Unschuld“ erscheint kommende Woche im Rowohlt Verlag. Es ist ein komplexer Roman voller Anspielungen und Referenzen, dessen aufwendige Konstruktion fast unsichtbar bleibt. Und sein Verfasser ist ein Seelenergründer, der alles, was in dieser fünfzig Jahre umfassenden Geschichte geschieht, aus den Figuren selbst entwickelt. So unterschiedlich ambivalent die Protagonisten in diesem Achthundert-Seiten-Panorama sind, die zu jeweils anderen Zeiten auf verschiedenen Kontinenten von Franzen wie von einem Kameramann umkreist werden, so ähnlich scheint ein Muster in ihren Psychopathologien: Bewusst oder unbewusst sind sie alle Meister darin, andere für ihre Zwecke einzusetzen. Deshalb sind es faszinierende Persönlichkeiten, die ihre Gefährlichkeit im Verborgenen halten. Der Stasi-Offizier, der seinen Opfern unsichtbare Fallen stellte, erweist sich dabei als ein Geistesbruder des Jahrzehnte später global verehrten Enthüllungshackers Andreas Wolf, der in der bolivianischen Hochebene einen Bienenstaat der Überwachung errichtet hat. Und die amerikanische Milliardenerbin Anabel, die in ihrem moralischen Absolutismus so weit geht, dass sie ihre ahnungslose Tochter unterhalb der Armutsgrenze aufzieht, ist, obwohl sie sich selbst als Opfer sieht, nicht weniger grausam als die einst in Ost-Berlin gefeierte Anglistin Katya, die ihren Sohn in einer fatalen ödipalen Umkehrung gefangen hält, die nicht zufällig an die Hamlet-Mutter Gertrude erinnert.

          Wikileaks mit moralischen Kategorien

          Unschuldig ist niemand in „Unschuld“, dabei trifft die von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld besorgte deutsche Übersetzung den amerikanischen Titel eigentlich nicht. Denn „Purity“, wie der Roman im Original heißt, bedeutet Reinheit. Und von Reinheit, ob hygienischer oder moralischer, ist in dem Roman viel die Rede. Die junge Heldin heißt sogar Purity, die sich gleichwohl für diesen Namen schämt und von allen nur Pip genannt wird. Durch ihr Studium hoch verschuldet, lebt sie in einem besetzten Haus in Oakland. Unglücklich verliebt, dazu unzufrieden mit ihrem Job als Telefonverkäuferin, hat sie nur noch ein Ziel: Sie will ihren Vater finden, der jetzt wenigstens ihre Studienschulden übernehmen soll, nachdem er sich nie um sie gekümmert hat. Da ihre Mutter Anabel jegliche Auskunft über ihn verweigert, kommt es ihr gerade recht, durch Zufall ein Praktikum beim begehrten „Sunlight Project“ ergattert zu haben. Für die prominente Enthüllungsplattform, die unter der Maxime „Sonnenlicht desinfiziert am besten“ korrupte Regierungen ebenso an den öffentlichen Pranger stellt wie sexistisch entgleiste Männer, begeistert sie sich zwar eigentlich nicht. Aber da die Organisation über Spionagesoftware verfügt, die noch die kleinste Maus in der kalifornischen Bay Area orten kann, erhofft sie sich, das Geheimnis um ihren Vater zu lüften.

          Hörstation in einer Ausstellung zur Geschichte der DDR-Grenze

          Dafür muss Pip allerdings nach Südamerika, denn seit der charismatische Sunlight-Gründer Andreas Wolf in fast allen Staaten per Haftbefehl gesucht wird, hat er sich in den Urwald Boliviens zurückgezogen. In Interviews prahlt er gern damit, dass er nicht wie Wikileaks alle Informationen ungefiltert ins Netz stelle, sondern moralischen Kategorien folge. Anders als sein Rivale Assange sei er also immer noch sauber. „Reinheit“ ist sein Markenzeichen. Was es Pip nicht einfacher macht, sich für sein Projekt zu begeistern. Denn auf Reinheit, genauer: auf Reinlichkeit, reagiert sie empfindlich. Ihre Mutter hat einen notorischen Sauberkeitsfimmel. „Geruch ist Fluch“, pflegt diese zu sagen, und dass sie ihre Geruchsumgebung kontrolliert, ist nur einer ihrer vielen Ticks. Doch auch in der Dschungeloase kommt Pip mit ihrer Vater-Recherche anscheinend nicht weiter, und auch mit den jungen Männern dort, die in fensterlosen Räumen Programme entwickeln, und den jungen Frauen, die in aufgemöbelten Scheunen „Community-Building“ betreiben, wird sie nicht warm. Zu spitz ist ihr Mundwerk, und mit ihrer Ansicht, dass „Phrasen wie die Welt verbessern inzwischen doch von der Erdoberfläche wegironisiert“ worden seien, steht sie allein da.

          Ein wahlverwandtschaftliches Spiegelkabinett

          Ausgerechnet Andreas Wolf, der in der Welt Ansehen genießt wie sonst nur Aung San Suu Kyi oder Bruce Springsteen, gefällt Pips Sarkasmus, wenn sie die Nase über Kool-Aid rümpft und über die olfaktorische Offenbarung der Geruchslandschaft Boliviens schwadroniert. Prompt beendet er die Affäre mit der Schauspielerin, die in einem Film, der gerade über ihn gedreht wird, seine Mutter spielt – eine der typischen Franzen-Volten, in denen er seine Motive immer weiterdreht.

          Filmreif ist das Leben des 1960 in der DDR geborenen Verwandten des berühmten Spions Markus Wolf allemal. In jener Republik, über die der Deutschland-Kenner Franzen schreibt, sie sei „herzzerreißend“ deutsch gewesen, ist Andreas als Sohn eines Politbüromitglieds aufgewachsen, der als Staatsökonom noch Wachstum vorweisen musste, wo keines war, sowie der unentwegt Shakespeare zitierenden Mutter, die ihre „Interessantheiten beim Abendessen über den Tisch baumeln ließ wie eine süße, saftige Frucht“. Katyas Eskapaden werden von ihrem Mann so gut es geht vertuscht, und sei es, dass er allzu hartnäckige Liebhaber im Gefängnis verschwinden lässt. Dass Andreas’ leiblicher Vater ein anderer ist, spielt in diesem wahlverwandtschaftlichen Spiegelkabinett keine kleine Rolle.

          Weder familiär, noch amerikanisch

          Aber nicht deshalb, sondern weil er ein paar harmlos-unartige Gedichte veröffentlicht hat, muss Andreas sein Zuhause verlassen und landet im Keller einer Kirche, in der man sich um Jugendliche in Not kümmert. Rasch geht Andreas der Ruf als mutiger Kritiker des kommunistischen Regimes voraus, dabei tut dieser blonde Hamlet aus der Karl-Marx-Allee kaum etwas anderes, als mit Teenagern zu schlafen. Bis er eines Tages der fünfzehnjährigen Annagret begegnet, deren Schönheit so außerhalb der Norm scheint, dass er sie als „unmittelbaren Affront gegen die Republik des schlechten Geschmacks“ begreift. Vor allem erkennt er sich wieder in ihr, die von ihrem stasispitzelnden Stiefvater missbraucht wurde. Ihren verzweifelten Plan, den Mann zu ermorden, setzen sie gemeinsam in die Tat um und schaffen es sogar, unentdeckt zu bleiben. Doch die Tat belegt Andreas mit einem Fluch, dem er nicht mehr entkommt.

          Cindy Sherman erreichte als Künstlerin jenen Ruhm, den Franzen seiner mit ähnlichen Körperbildern arbeitenden Anabel versagt: „Untitled #96“ (1981).

          Von früheren Franzen-Romanen unterscheidet sich „Unschuld“ elementar. Denn alle sind Familienromane und spielen bis auf eine Ausnahme im Mittleren Westen. Die „27ste Stadt“ handelt von den Probsts, „Schweres Beben“ von den Hollands, „Die Korrekturen von den Lamberts, „Freiheit“ von den Berglunds. Immer kam dem Zuhause der Figuren eine besondere Bedeutung zu. Weil die Häuser stets mehr waren als bloß Staffage, vielmehr Ausdruck des vielschichtigen familiären Universums, ein Abbild dessen, wie Menschen sich buchstäblich einrichten in dieser Welt. Nun hat Franzen, selbst 1959 in Illinois geboren, nicht nur den Mittleren Westen verlassen. Der neue Roman spielt in Kalifornien, Texas und Philadelphia, in New York, Bolivien, und zu DDR-Zeiten sowie kurz nach dem Fall der Mauer in Leipzig, Ost-Berlin und Jena. Es gibt auch keine Häuser mehr, wie sie die Lamberts oder Berglunds bewohnten. Stattdessen haben wir es mit provisorischen Behausungen zu tun: gelebt wird in armseligen Holzhütten, besetzten Häusern, die kurz vor der Räumung stehen, Kirchenkellern oder im Dschungelcamp.

          Sein oder Nichtsein: Das Internet entscheidet

          Dafür gibt es ein anderes Zuhause, dem die Protagonisten nicht entkommen, und es ist nicht lokalisierbar, weil es sich um zwei Systeme handelt, die Franzen, der in den achtziger Jahren in West-Berlin lebte, in einen waghalsigen Zusammenhang bringt: die DDR und das Internet. Kaum anders als die untergegangene Republik ihre Bürger einst einsperrte und ausspionierte, so die kühne These, strebt das neue Medium den totalitären Zugriff auf das Dasein an – nicht nur durch die Spionagesoftware von Unternehmen und Hackern. Sondern vor allem, weil dem Internet – nicht zuletzt über den Reiz der Zugehörigkeit – die Macht zugestanden wird zu definieren, ob wir existieren oder nicht.

          Franzens neuer Roman erscheint am 4. September in Deutschland.

          Sein oder Nichtsein. Auf der Folie des Shakespeare-Dramas ziehen sich Begriffe wie Geheimnis, Verrat und Vertrauen, Schuld und Kontrolle durch die Textur des gesamten Romans. Dabei legt Franzen neben kunstfertig eingeflochtenen Binnenessays und eigenen Ansichten immer neue Stränge aus, um das Handwerk der subtilen Gewalt zu ergründen. So unterschiedlich die emotionale Stimulanz jeweils ausfällt, ob durch den Staatsapparat oder die digitale Technik, so sehr gleichen sich die Folgen für den Einzelnen: Immer führt es zu Ekstase, innerem Aufruhr und Angst.

          Verschont von altbackener Krittelei

          „Die Republik hatte ihn geformt, und er existierte ausschließlich in Beziehung zu ihr“, heißt es einmal über Andreas. Dasselbe ließe sich für sein zweites Leben als Internetapologeten sagen, denn seine größte Gabe besteht darin, „in totalitären Systemen singuläre Nischen zu finden“. Hier wie da kann man sich dem System nicht entziehen. „Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet“, stellt Andreas fest. „Wie die alten Politbüros stellte sich auch das Neue als Feind der Elite und Freund der Massen dar, darauf aus, den Konsumenten zu geben, was sie haben wollten.“

          Jonathan Franzen, der nach eigenem Bekunden nicht twittert und Facebook nicht mag, hat sich schon häufig internetkritisch geäußert. In seinem „Kraus Projekt“ (2013) nahm er Karl Kraus’ Kritik an der unheilvollen Verbindung von Technologie, Kapital und Medien auf und übertrug sie auf die heutige Zeit. Von diesen und anderen Einlassungen, die gelegentlich nach der Krittelei eines im neunzehnten Jahrhundert verhafteten Romanciers klangen, hat er „Unschuld“ verschont. Weil Franzen hier seinen eigenen Anspruch erfüllt: anspruchsvolle, komplexe Romane unterhaltsam und spannend zu erzählen.

          Unschuld“ ist deshalb trotz aller essayistischen Exkursionen kein Thesenroman geworden, sondern eine in Raum und Zeit großangelegte Erzählung, die von Vögeln und Landschaften ebenso berichtet, wie sie Einblicke in eine amerikanische Eliteuniversität der siebziger Jahre oder die Machenschaften eines agrarwirtschaftlichen Megakonzerns à la Monsanto gewährt. Vor allem aber wird dieses Franzen-Land von Figuren bewohnt, die man nicht vergisst. Weil Franzen ihnen im Ausleuchten ihrer Ambivalenzen und Idiosynkrasien so viel Aufmerksamkeit widmet. Die investigative Journalistin Leila, die mit einem querschnittsgelähmten Schriftsteller verheiratet ist, der die Welt aus seinem Rollstuhl heraus proustartig kommentiert. Oder die stramme Rechtskonservative Clelia, die auch lange nach ihrer Flucht aus der DDR den amerikanischen Traum eisern verteidigt, obwohl der sich für sie nie erfüllte. Oder Tom Aberant, der Leiter eines in Denver ansässigen journalistischen Dienstes, für den Leila arbeitet und den sie liebt. Bei dem sie sich sicher fühlt, weil er nicht nur Ursache, sondern auch Linderung ihrer Schuldgefühle ist.

          Dieser Tom Aberant mit seinem schildkrötenhaften Gesicht ist die Schlüsselfigur, bei der alle Fäden, von Pips Vatersuche über das Unglück ihrer Mutter Anabel bis zu Andreas Wolfs Abgründen, zusammenlaufen. Dass gerade seine Geschichte als einziges der insgesamt sieben Kapitel des Romans aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, ist erzähltechnisch nicht unheikel. Schon in „Freiheit“ hatte Franzen dieses Verfahren für eine weibliche Figur gewählt. Und Toms Bericht bleibt mit stilistischen Unsicherheiten und seltsamen Redundanzen ein Fremdkörper im Roman. Dass es dafür eine Erklärung gibt, die Franzen sich bis zum Schluss aufhebt, zeugt von seiner Souveränität. Und auch von dem scheinbaren Happy End sollte man sich nicht in die Irre führen lassen. Zwar bedeutet to pip im Englischen, jemanden knapp besiegen. Pip steht also nicht Ophelias Schicksal bevor. Aber es ist eben nur ein knapper Sieg. Und im Hinterzimmer werden schon eifrig neue Holzlöffel gefertigt.

          Weitere Themen

          „The Wild Boys“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Wild Boys“

          „The Wild Boys“, 2017. Regie: Bertrand Mandico. Mit: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel. Start: 23.05.2019.

          Die Highlights vom roten Teppich Video-Seite öffnen

          Filmfestival in Cannes : Die Highlights vom roten Teppich

          Glamouröse Kleider, schicke Anzüge, Schuhprobleme, strömender Regen und ein Heiratsantrag... Auf dem roten Teppich des Filmfestivals in Cannes war in diesem Jahr einiges los. Hier sind die schönsten Momente an der Croisette.

          Topmeldungen

          Sigmar Gabriel und die SPD : Gute Ratschläge von der Seitenlinie

          Sigmar Gabriel plane angeblich schon das Ende seiner politischen Karriere, heißt es. Es gehört zum ambivalenten Verhältnis der SPD zu ihrem größten Talent, dass viele Genossen sich nicht sicher sind, ob das eine schlechte oder eine gute Nachricht ist. Eine Analyse.

          Europawahl : „Das Parlament wird pulverisiert“

          Die Rechtspopulisten können nach der Wahl die EU nicht von innen zerstören. Doch die Europapolitik wird jetzt deutlich komplizierter, analysieren die F.A.Z.-Ressortleiter Jasper von Altenbockum und Klaus-Dieter Frankenberger im Video.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.