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Jonathan Franzens neuer Roman : Das Internet ist die DDR von heute

Franzens neuer Roman erscheint am 4. September in Deutschland.

Sein oder Nichtsein. Auf der Folie des Shakespeare-Dramas ziehen sich Begriffe wie Geheimnis, Verrat und Vertrauen, Schuld und Kontrolle durch die Textur des gesamten Romans. Dabei legt Franzen neben kunstfertig eingeflochtenen Binnenessays und eigenen Ansichten immer neue Stränge aus, um das Handwerk der subtilen Gewalt zu ergründen. So unterschiedlich die emotionale Stimulanz jeweils ausfällt, ob durch den Staatsapparat oder die digitale Technik, so sehr gleichen sich die Folgen für den Einzelnen: Immer führt es zu Ekstase, innerem Aufruhr und Angst.

Verschont von altbackener Krittelei

„Die Republik hatte ihn geformt, und er existierte ausschließlich in Beziehung zu ihr“, heißt es einmal über Andreas. Dasselbe ließe sich für sein zweites Leben als Internetapologeten sagen, denn seine größte Gabe besteht darin, „in totalitären Systemen singuläre Nischen zu finden“. Hier wie da kann man sich dem System nicht entziehen. „Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet“, stellt Andreas fest. „Wie die alten Politbüros stellte sich auch das Neue als Feind der Elite und Freund der Massen dar, darauf aus, den Konsumenten zu geben, was sie haben wollten.“

Jonathan Franzen, der nach eigenem Bekunden nicht twittert und Facebook nicht mag, hat sich schon häufig internetkritisch geäußert. In seinem „Kraus Projekt“ (2013) nahm er Karl Kraus’ Kritik an der unheilvollen Verbindung von Technologie, Kapital und Medien auf und übertrug sie auf die heutige Zeit. Von diesen und anderen Einlassungen, die gelegentlich nach der Krittelei eines im neunzehnten Jahrhundert verhafteten Romanciers klangen, hat er „Unschuld“ verschont. Weil Franzen hier seinen eigenen Anspruch erfüllt: anspruchsvolle, komplexe Romane unterhaltsam und spannend zu erzählen.

Unschuld“ ist deshalb trotz aller essayistischen Exkursionen kein Thesenroman geworden, sondern eine in Raum und Zeit großangelegte Erzählung, die von Vögeln und Landschaften ebenso berichtet, wie sie Einblicke in eine amerikanische Eliteuniversität der siebziger Jahre oder die Machenschaften eines agrarwirtschaftlichen Megakonzerns à la Monsanto gewährt. Vor allem aber wird dieses Franzen-Land von Figuren bewohnt, die man nicht vergisst. Weil Franzen ihnen im Ausleuchten ihrer Ambivalenzen und Idiosynkrasien so viel Aufmerksamkeit widmet. Die investigative Journalistin Leila, die mit einem querschnittsgelähmten Schriftsteller verheiratet ist, der die Welt aus seinem Rollstuhl heraus proustartig kommentiert. Oder die stramme Rechtskonservative Clelia, die auch lange nach ihrer Flucht aus der DDR den amerikanischen Traum eisern verteidigt, obwohl der sich für sie nie erfüllte. Oder Tom Aberant, der Leiter eines in Denver ansässigen journalistischen Dienstes, für den Leila arbeitet und den sie liebt. Bei dem sie sich sicher fühlt, weil er nicht nur Ursache, sondern auch Linderung ihrer Schuldgefühle ist.

Dieser Tom Aberant mit seinem schildkrötenhaften Gesicht ist die Schlüsselfigur, bei der alle Fäden, von Pips Vatersuche über das Unglück ihrer Mutter Anabel bis zu Andreas Wolfs Abgründen, zusammenlaufen. Dass gerade seine Geschichte als einziges der insgesamt sieben Kapitel des Romans aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, ist erzähltechnisch nicht unheikel. Schon in „Freiheit“ hatte Franzen dieses Verfahren für eine weibliche Figur gewählt. Und Toms Bericht bleibt mit stilistischen Unsicherheiten und seltsamen Redundanzen ein Fremdkörper im Roman. Dass es dafür eine Erklärung gibt, die Franzen sich bis zum Schluss aufhebt, zeugt von seiner Souveränität. Und auch von dem scheinbaren Happy End sollte man sich nicht in die Irre führen lassen. Zwar bedeutet to pip im Englischen, jemanden knapp besiegen. Pip steht also nicht Ophelias Schicksal bevor. Aber es ist eben nur ein knapper Sieg. Und im Hinterzimmer werden schon eifrig neue Holzlöffel gefertigt.

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