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Jonathan Franzens neuer Roman : Das Internet ist die DDR von heute

Filmreif ist das Leben des 1960 in der DDR geborenen Verwandten des berühmten Spions Markus Wolf allemal. In jener Republik, über die der Deutschland-Kenner Franzen schreibt, sie sei „herzzerreißend“ deutsch gewesen, ist Andreas als Sohn eines Politbüromitglieds aufgewachsen, der als Staatsökonom noch Wachstum vorweisen musste, wo keines war, sowie der unentwegt Shakespeare zitierenden Mutter, die ihre „Interessantheiten beim Abendessen über den Tisch baumeln ließ wie eine süße, saftige Frucht“. Katyas Eskapaden werden von ihrem Mann so gut es geht vertuscht, und sei es, dass er allzu hartnäckige Liebhaber im Gefängnis verschwinden lässt. Dass Andreas’ leiblicher Vater ein anderer ist, spielt in diesem wahlverwandtschaftlichen Spiegelkabinett keine kleine Rolle.

Weder familiär, noch amerikanisch

Aber nicht deshalb, sondern weil er ein paar harmlos-unartige Gedichte veröffentlicht hat, muss Andreas sein Zuhause verlassen und landet im Keller einer Kirche, in der man sich um Jugendliche in Not kümmert. Rasch geht Andreas der Ruf als mutiger Kritiker des kommunistischen Regimes voraus, dabei tut dieser blonde Hamlet aus der Karl-Marx-Allee kaum etwas anderes, als mit Teenagern zu schlafen. Bis er eines Tages der fünfzehnjährigen Annagret begegnet, deren Schönheit so außerhalb der Norm scheint, dass er sie als „unmittelbaren Affront gegen die Republik des schlechten Geschmacks“ begreift. Vor allem erkennt er sich wieder in ihr, die von ihrem stasispitzelnden Stiefvater missbraucht wurde. Ihren verzweifelten Plan, den Mann zu ermorden, setzen sie gemeinsam in die Tat um und schaffen es sogar, unentdeckt zu bleiben. Doch die Tat belegt Andreas mit einem Fluch, dem er nicht mehr entkommt.

Cindy Sherman erreichte als Künstlerin jenen Ruhm, den Franzen seiner mit ähnlichen Körperbildern arbeitenden Anabel versagt: „Untitled #96“ (1981).

Von früheren Franzen-Romanen unterscheidet sich „Unschuld“ elementar. Denn alle sind Familienromane und spielen bis auf eine Ausnahme im Mittleren Westen. Die „27ste Stadt“ handelt von den Probsts, „Schweres Beben“ von den Hollands, „Die Korrekturen von den Lamberts, „Freiheit“ von den Berglunds. Immer kam dem Zuhause der Figuren eine besondere Bedeutung zu. Weil die Häuser stets mehr waren als bloß Staffage, vielmehr Ausdruck des vielschichtigen familiären Universums, ein Abbild dessen, wie Menschen sich buchstäblich einrichten in dieser Welt. Nun hat Franzen, selbst 1959 in Illinois geboren, nicht nur den Mittleren Westen verlassen. Der neue Roman spielt in Kalifornien, Texas und Philadelphia, in New York, Bolivien, und zu DDR-Zeiten sowie kurz nach dem Fall der Mauer in Leipzig, Ost-Berlin und Jena. Es gibt auch keine Häuser mehr, wie sie die Lamberts oder Berglunds bewohnten. Stattdessen haben wir es mit provisorischen Behausungen zu tun: gelebt wird in armseligen Holzhütten, besetzten Häusern, die kurz vor der Räumung stehen, Kirchenkellern oder im Dschungelcamp.

Sein oder Nichtsein: Das Internet entscheidet

Dafür gibt es ein anderes Zuhause, dem die Protagonisten nicht entkommen, und es ist nicht lokalisierbar, weil es sich um zwei Systeme handelt, die Franzen, der in den achtziger Jahren in West-Berlin lebte, in einen waghalsigen Zusammenhang bringt: die DDR und das Internet. Kaum anders als die untergegangene Republik ihre Bürger einst einsperrte und ausspionierte, so die kühne These, strebt das neue Medium den totalitären Zugriff auf das Dasein an – nicht nur durch die Spionagesoftware von Unternehmen und Hackern. Sondern vor allem, weil dem Internet – nicht zuletzt über den Reiz der Zugehörigkeit – die Macht zugestanden wird zu definieren, ob wir existieren oder nicht.

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