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Peter von Matt: „Das Kalb vor der Gotthardpost“ : Die Angst des Kälbchens vor der Kutsche

Bild: Hanser

Ein Fremdenführer durch das Gebirgsmassiv der kollektiven Erinnerung: Peter von Matt zeigt uns in seinem neuen Essayband zerklüftete Bergwelten und schweizerische Seelenlandschaften.

          4 Min.

          Es müsste einem angst und bange werden um die Schweiz, wenn es ihn nicht gäbe. Und es könnte einem angst und bange werden um Deutschland, da es einen wie ihn hierzulande nicht gibt. Einen, der aus gegebenem Anlass seine verstreuten Aufsätze und Essays, Lob- und Festreden der letzten Jahre in einem Band versammelt und damit seinem Heimatland einen Knochen hinwirft, an dem es viel und lange nagen kann.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Peter von Matt erhält das Wort von der Gelegenheitsarbeit einen ganz neuen Sinn. Der Zürcher Germanist, der von sich selbst sagt, er sei „ein Fachmann für Wörter“, nimmt den Begriff wörtlich. Das heißt, er packt die Gelegenheit beim Schopf, um sich der ehrenvollen Last und mitunter lästigen Ehre des Festvortrags nicht einfach zu entledigen, sondern um sie zu nutzen. Fast immer, wenn er ein Thema angeht, tut er es auf unerwartete Weise und erzeugt so etwas, das sich als Peter-von-Matt-Effekt bezeichnen ließe: das sanfte Hinübergleiten des Lesers aus dem Zustand der Überraschung in den des Einverständnisses. Wir sind verdutzt und gewonnen beinahe im selben Augenblick. Das bewirkt indes nicht der bloße Effekt, sondern das effektvoll entwickelte Argument.

          Empörung, Opium des Volks

          Als er vor sieben Jahren eingeladen wurde, eine Rede zum zweihundertfünfundzwanzigjährigen Bestehen der „Neuen Zürcher Zeitung“ zu halten, begann er nicht mit Lobesworten oder historischen Reminiszenzen aus den Gründerjahren einer ehrwürdigen Institution der Öffentlichkeit, sondern mit einer lapidaren Feststellung: „Fühlen ist einfacher als Denken.“ Was Peter von Matt aus diesem Satz entwickelte, liest sich heute, nur sieben Jahre später, wie eine Analyse jener Art von Öffentlichkeit, wie sie im Internet in den letzten Jahren sichtbarer und selbstbewusster geworden ist als je zuvor. Gegeben hat es solche Bezirke der Öffentlichkeit natürlich auch vorher schon, aber erst in der Ortlosigkeit des Netzes konnten sie auf den fruchtbarsten Boden fallen. Hier wachsen sie nicht, sie wuchern. Ihr Dünger ist ein Gefühl: die Empörung.

          Gerade einmal vier Seiten braucht Peter von Matt, um zu zeigen, warum Empörung keineswegs die staatsbürgerliche Tugend ist, zu der Stéphane Hessel aufgerufen hat. Das Gefühl der Empörung, so der Festredner, falle stets zusammen mit dem Gefühl des Rechthabens. Dies sei eben das Wohltuende daran: Empörung stifte Ordnung, indem sie Schuld bestimmt und Schuldige benennt. Wo aber die Schuld feststeht, da herrscht die Illusion der Ordnung.

          „Dä isch tschuld!“ heißt es in der Mundart. Das magische kleine Wort von der „Tschuld“, so Peter von Matt weiter, „ermöglicht die Empörung und damit das Rechthaben und damit das Gefühl einer geordneten Welt. Wer mir zur Empörung verhilft, gibt mir festen Boden unter den Füßen. Nicht die Religion ist das Opium des Volks, wie Karl Marx meinte, sondern die Empörung.“ Je komplexer mir also die Welt erscheint, desto größer wird mein Ordnungsbedürfnis. Und je stärker mein Ordnungsbedürfnis, desto reizbarer meine Empörungsbereitschaft. Es ist nur logisch, dass diese Empörungsbereitschaft nirgends größer ist als an jenem Ort, an dem sich die Komplexität der Welt unmittelbarer zeigt als je zuvor in der Geschichte, im Internet also. Empörung ist heute die am weitesten verbreitete Droge der Welt.

          Umweg über die Nebensachen

          Peter von Matt hat das Internet in seiner Rede vor sieben Jahren mit keiner Silbe erwähnt. Nicht etwa aus Dünkel, sondern weil er das Thema breiter angelegt hatte. Sein Thema war „Die Sprache in der Demokratie“, seine Rede ein Appell an Journalisten, Politiker und Bürger, nicht hinter jene demokratischen Errungenschaften zurückzufallen, mit denen seit der Aufklärung im Gespräch der Öffentlichkeit die Wahrheit als Setzung von der Wahrheit als Prozess abgelöst wurde. Die Sprache der Öffentlichkeit sei nicht naturgegeben, schrieb Peter von Matt damals, sie werde von jeder Generation neu geformt oder verpfuscht: „Wenn die Journalisten und Politiker nicht mehr Deutsch können, entgleitet ihnen ein Teil der Wirklichkeit. Wie sollen sie die feinen Differenzen benennen, auf die es in der Welt ankommt wie auf die feinen Gifte in den Heilmitteln, wenn ihnen der Wortschatz fehlt, die Syntax verkümmert und schon ein Konjunktiv sie nervös macht?“ Dies gilt auch diesseits des Internets.

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