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Peter Scholl-Latours Leben : Treu der eigenen Meinung

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Kurzer Ausritt im Hindukusch: Peter Scholl-Latour fehlte als Reporter an kaum einem Kriegsschauplatz der vergangenen sieben Jahrzehnte. Bild: Hans Christian Plambeck/laif

Mit ihm kam die Weltpolitik ins deutsche Wohnzimmer: Die Memoiren von Peter Scholl-Latour zeigen einen Mann, der aneckte, weil er politische Korrektheit verabscheute.

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          Man hat ihn den „letzten Welterklärer“ genannt und eine „Kassandra des einundzwanzigsten Jahrhunderts“. Lange vor seinem Tod im August 2014 im Alter von neunzig Jahren war Peter Scholl-Latour eine Legende: Die meisten Deutschen kennen ihn und wurden von ihm auch in ihren Meinungen beeinflusst. Vielfach preisgekrönt, gehörte er zur Riege jener Fernsehpioniere, die den Nachkriegs-Deutschen bis in die letzten Jahre hinein die weite, offenbar immer komplizierter werdende Welt mit ihren Berichten in die Wohnzimmer brachten. Die Spanne seines Reporterlebens reichte vom Algerien-Krieg über den Vietnam-Krieg bis zum amerikanischen „war on terrorism“, dem er skeptisch gegenüberstand, sowie den jüngsten blutigen Kriegen und Aufständen im Nahen Osten und in Osteuropa.

          „Scholl“, wie ihn viele nannten, fand begeisterte Anhänger, doch auch Gegner, die ihm seinen Konservativismus, manchmal auch – wie von islamwissenschaftlicher Seite geschehen – holzschnittartige Vereinfachungen vorwarfen. Der äußerst belesene, historisch hochgebildete Mann, gleichwohl erfüllt von realistischer Weltklugheit und jeglicher politischen Korrektheit abhold, eckte bei vielen an. Zuletzt kam der Vorwurf einer gewissen Besserwisserei auf.

          In seiner soeben erschienenen, unvollendet gebliebenen Autobiographie erweist Scholl sich als der, den man kennt, inhaltlich wie stilistisch. Sein Leben war so bewegt wie seine Reportagen, die er, zunächst für Zeitungen, dann für Rundfunk und Fernsehen produzierte und in mehr als dreißig Büchern publizierte. Scholl gilt als erfolgreichster Sachbuchautor in deutscher Sprache, dessen Buch „Der Tod im Reisfeld“ von 1980 ein Klassiker ist und bleiben wird. Sein Lebensbericht liest sich so spannend wie die meisten seiner Reportagen.

          Religion als kulturstiftender Faktor

          Der am 9. März 1924 in Bochum geborene Sohn eines Lothringer Hautarztes und einer Elsässerin war konservativ, gleichzeitig jedoch von einer „Weltneugier“ getrieben, die ihn, wie er schreibt, eigentlich zum Entdecker oder Konquistador prädestiniert hätte, wenn es solche Figuren noch gäbe. Stattdessen wurde er Journalist. Am Beginn stand eine katholische Sozialisation des deutsch und französisch aufgewachsenen Jungen. Scholl macht kein Hehl daraus, wie sehr ihn die Jesuiten-Schule Saint Michel im schweizerischen Fribourg bis zu deren Schließung geprägt hat. Dorthin ging er 1936, weil er wegen seiner jüdischen Mutter im Nazi-Reich als „Mischling ersten Grades“ galt. Doch die Familie blieb von Verfolgung nicht verschont. Der Bruder der Mutter starb im Konzentrationslager.

          Die katholischen Exerzitien machten den Autor reif für ein Leben, das auch Strapazen bereithielt. Der weitgehende Verlust des Glaubens im vormals christlichen Abendland ist von Scholl-Latour immer wieder beklagt worden; besonders fromm sei er zwar nie gewesen, doch seiner Kirche habe er „die Treue gehalten“. Skeptisch fällt sein Urteil über das Zweite Vatikanum aus, dessen aggiornamento wohl nötig gewesen sei, doch den Glauben zeitgeistmäßig verwässert habe – anders als in der Orthodoxie und im Islam. Religion als kulturstiftender, auch historischer Faktor bedeutete Scholl für seine Analysen immer viel, sein eher düsteres Welt- und Menschenbild brachte ihn dazu, im Glauben und den von der Religion gesetzten Regeln ein Mittel zu sehen, das den sündhaften Menschen zwar nicht bessere, ihn aber erträglicher mache. Seine Begegnungen mit der Niedrigkeit, doch auch dem moralischen Selbstbehauptungswillen von Menschen schildert er spannend und ergreifend unter der Überschrift „De profundis“.

          Die Familie zog des väterlichen Berufes wegen um, Scholl legte das Abitur in Kassel ab, auf einem Gymnasium, das eine „Insel des Friedens“ in kriegerischer Zeit gewesen sei. Dies änderte sich im Januar 1945, Scholl kam nach Kriegsjahren in Berlin und im besetzten Lothringen in Graz in Gestapo-Haft, als er im Begriff war, sich den Partisanen Titos anzuschließen. Er sollte von Graz in die Prinz-Albrecht-Straße in Berlin „verfrachtet“ werden. Die Schilderungen der Schicksale, die er in den Monaten im Prager „Pankraz“, im Wiener „Liesl“-Gefängnis, dann wieder im Grazer Arbeitslager, das verwaltungsmäßig dem Konzentrationslager Mauthausen angeschlossen war, bis zur Befreiung durch die Rote Armee erlebte, gehören zu den erschütterndsten und besten Abschnitten dieses Buches.

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