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Peter Rüedi: Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen : Großkopf im Kleinland

Bild: Verlag

Er habe keine Biographie, hat Friedrich Dürrenmatt einmal behauptet, seine Schriftstellerei ziele von ihm weg. Nun zeigt der Peter Rüedi, wie Autor, Leben und Werk doch zusammenfinden.

          5 Min.

          Das persönliche und private Leben des Friedrich Dürrenmatt war viele Jahrzehnte lang lediglich die Schrift unter der Schrift seines Werks, etwas verborgen Vorhandenes also, ein Palimpsest. Noch die erste Werkausgabe, die 1980, kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, in neunundzwanzig Bänden erschien, enthält Selbsterlebtes, gar Autobiographisches so gut wie nicht, dafür aber bereits all jene Theaterstücke, Romane, Hörspiele und Prosatexte, die seinen Weltruhm begründeten und bis heute befestigen.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ihrerseits waren sie der Ertrag eines einzigen, ungeheuer eruptiven Jahrzehnts. Zwischen 1952 und 1962 ist alles entstanden und veröffentlicht worden, was dieses Werk bleibend macht: die Kriminalromane „Der Richter und sein Henker“ und „Das Versprechen“, die Kurzgeschichte „Der Tunnel“, das Hörspiel „Die Panne“ sowie die Stücke „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“.

          „Ich habe keine Biographie“

          Nichts davon verdankte sich dem eigenen Leben. Selbst der fette „junge Mann“, der in einem Zug durch den nicht endenden „Tunnel“ ins Nichts oder zu Gott hin rast, ist eine Spiel-, keine Bekenntnisfigur - der reale Mittzwanziger Dürrenmatt, der damals tatsächlich „noch von seinen Eltern abhängig und mit nebulösen Studien auf einer Universität beschäftigt“ war, kam bei den Fahrten von Zürich nach Bern immer heil aus dem kleinen Durchstich bei Burgdorf heraus.

          „So zielt“, hat er denn auch formuliert, „meine Schriftstellerei von mir weg.“ Sie zielt, ist hinzuzufügen, von allem Anfang an - die Debüterzählung „Der Alte“ datiert von 1945, das Theaterdebüt „Es steht geschrieben“ von 1947 - und jedenfalls bis zur Werkausgabe von 1980 ausschließlich auf die dem Autor entgegentretende Außenwelt. Ihr gilt es standzuhalten, von ihr gilt es, sich ein Bild zu machen, um sie sodann in Gleichnissen und Parabeln nach dem eigenen Bild neu zu formen. Mit dem Recht des lebenslangen Schreibtischhockers also konnte der Weltmodellbauer Dürrenmatt von sich sagen: „Ich habe keine Biographie.“

          Ich, der Schlüsselbeinbruchverbandsträger

          Dass er dies vor seinem Tod im Dezember 1990 ausdrücklich auch einmal zu Peter Rüedi sagte, jenem Schweizer Publizisten, der nun sein Biograph geworden ist, kann keine geringe Hypothek gewesen sein: Fast zwanzig Jahre lang hat der inzwischen pensionierte Rüedi neben allerlei Haupt- und Brotbeschäftigungen als Redakteur, Kritiker und Herausgeber am Lebensbericht des Literaturgiganten gearbeitet. Keineswegs erleichternd kam hinzu, dass Dürrenmatt von 1981 an dann doch einiges von der Schrift hinter der Schrift sichtbar machte und, so Rüedi, „unter dem denkbar unattraktiven Titel ,Stoffe I - III’“ den bis dato ausgesparten autobiographischen Erlebnisgrund seines Schreibens zumindest teilweise zu offenbaren begann.

          Mit dieser „späten Prosa“, resümiert Rüedi, „brachte er sich buchstäblich neu zur Welt“. Allerdings „inszeniert“ er sein Erleben dabei eben auch „im Nachhinein“, was den Biographen seinerseits immer wieder anspornt, die Differenz zu vermessen zwischen einem einst durchaus banalen Ereignis und dessen späterer Aufladung ins Bedeutsame. Besonders anschaulich gelingt dies anhand eines Fahrradunfalls. Ihn hat der zehnjährige Pfarrerssohn Dürrenmatt aus dem Emmentaldorf Konolfingen einst in einem - bereits beachtliches Talent verratenden - Schulaufsatz lakonisch geschildert und sich dabei selbstironisch als „Schlüsselbeinbruchverbandsträger“ porträtiert.

          Pfarrerssöhne sind „Söhne im Quadrat“

          Ein halbes Jahrhundert danach wird daraus eine Szene der metaphysischen Not und Scham: „Laut“, erinnert der Dürrenmatt der „Stoffe“ nun, habe er gebetet, „Gott solle mich nicht sterben lassen“, zugleich habe er dieses Beten „als eine Kapitulation“ empfunden, denn die Religion sei ihm bereits „peinlich“ gewesen. In Anerkennung wie in Abwehr prägte das Verhältnis zum Vater das Werden und das Werk des Sohnes. Rüedi schildert das in detailfreudiger Genauigkeit und findet für Dürrenmatts protestantisches Glaubens- und Gottesdilemma auch die treffende Formel, „Pfarrerssöhne“ seien eben fast immer „Söhne im Quadrat“.

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