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Peter Rüedi: Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen : Großkopf im Kleinland

Manche Bücher, notierte Thomas Mann einmal im Hinblick auf die „Buddenbrooks“, seien nichts, wenn sie nicht umfangreich seien. Peter Rüedi nimmt sich gut siebenhundert Seiten, um das an äußeren Geschehnissen nicht eben überbordende Leben des FD zu sichten, weitere zweihundert benötigt der Anmerkungsapparat, der dafür manch erstaunlichen Fund auch, aber beileibe nicht nur zur Geschichte des Schweizer Films oder zu jener des Zürcher Schauspielhauses birgt.

Fünf, sechs Welterfolge

Rüedis seltene Redundanzen sind dem Umstand geschuldet, dass eine Dürrenmatt-Biographie zwangsläufig auch eine Werk- und Schreibbiographie sein muss, die bisweilen selbst noch der sechsten Fassung und dem zehnten Bearbeiten eines Stoffes Beachtung schenkt. Dürrenmatt ist einer der obsessivsten Textrevisionisten unserer Literatur und konnte - gefallene Kinder liebt man meist am meisten - vor allem von jenen Arbeiten nicht lassen, die ihm, wie sein Drama über den „Turmbau“ von Babel, letztlich nie glücken wollten oder die, wie die schwarzen Komödien „Achterloo“ und „Der Mitmacher“, beim Publikum und bei der Kritik glatt durchgefallen waren. Nicht nur im Fall des „Mitmachers“ wuchs sich das Ganze über die Jahre hinweg und in jedweder Beziehung zum einem faustdicken „Komplex“ aus.

Für die gar nicht so wenigen wirklichen Welterfolge - wer bringt es, wie er, schon auf fünf oder sechs? - hat sich deren Autor später kaum mehr interessiert. Immerhin brachten sie ihm, dem „Meisterbettler“ der frühen Jahre, nach und nach Honorare in Millionenhöhe ein, literarisch wie poetologisch aber schienen sie ihm, weil zu glatt aufgegangen, auch abgetan. Wenn man Rüedi überhaupt einen Vorwurf machen will, dann - sehr leise - den, dass er Dürrenmatts eigener Sicht auf das auch dem Umfang nach gewaltige OEuvre etwas zu wenig Widerstand entgegensetzt. Jeder Einwand gegen diese Biographie aber kann nur schlechten Gewissens erfolgen. Denn im Ganzen ist sie schier unendlich reich.

In Dürrenmatts Weinkeller

Ein erstes Glanzstück liefert der Biograph, wenn er nach den Szenen einer Dorfkindheit fern den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs Dürrenmatts plötzlichen Existenzkraftakt schildert, das Berner Philosophiestudium abzubrechen, um im Sommer 1946 Knall auf Fall freier Schriftsteller zu werden und eben nicht, wie vorab länger erwogen und von den Eltern gefördert, Maler und Zeichner. Dieser Entschluss eines Mittellosen verbindet sich - es mutet wie ein Hasardspiel an - auch sogleich mit dem Heiratsantrag an die ebenfalls mausarme Schauspielerin Lotti Geissler, die er gerade erst kennengelernt hat. Die Ehe, noch im Oktober 1946 geschlossen und nicht anders als „sakramental“ zu verstehen, endet sechsunddreißig Jahre danach, als Lotti stirbt.

Erstmals wirklich begreifen lässt sich zudem, was Dürrenmatt - und mit ihm den Dauerfreund und Dauerrivalen Max Frisch - permanent mit ihrem Land, der Schweiz, hadern ließ. Angesichts der deutschen Geschichtshypothek erschien ihr Anrennen gegen die heimatlichen Lebenslügen immer auch ein Luxusproblem zu sein. Rüedi aber leitet nun bezwingend her, welch ein „Gefängnis“, welch eine „Groteske“ just für Dürrenmatt das „Verschontsein“ war - und wie gerade das „Labyrinth“, der Schlüsselbegriff seines Weltverständnisses und seines Werks, aus dieser Grunderfahrung erwuchs. Ohne die Schweiz, dieses Kleinland, wäre er nie zum Großkopf der Literatur geworden.

In Neuchâtel hat er 1952 auf Pump das Haus gekauft, in dem er bis zuletzt lebte - ob bei wachsendem Ruhm als „Kopie oder Parodie eines Neureichen“, will Rüedi nicht entscheiden. Die letzten hundert Seiten seiner Biographie lassen Dürrenmatts Lust und Leiden am „Theater als anderer Lebensform“ resümierend Revue passieren, sie entwerfen das geistige Panorama eines auch naturwissenschaftlich umfassend gebildeten, sich gleichwohl freudig zum „Dilettantismus“ bekennenden Universalisten mit einer letzten „Ahnung vom Ganzen“. So kurz wie nobel äußert sich Rüedi zu Charlotte Kerr, die Dürrenmatt 1984 heiratet, zu Recht rühmt er ihren Dürrenmatt-Film „Portrait eines Planeten“, den sie von 1983 an drehte. Das allerschönste Kapitel des ganzen Buchs aber widmet sich gegen Ende dem Jahrzehnte währenden Alltag in Neuchâtel, naturgemäß inklusive einer Phänomenologie von Dürrenmatts sagenhaftem Weinkeller. Große Prosa allemal.

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