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Australischer Thriller : Ein Kuss, ganz Asche und Whisky

Ort der nationalen Demütigung: die amerikanische Abhöranlage Pine Gap in Australien Bild: AFP

Mit diesem Mann ist Sex nie unmöglich: Der australische Schriftsteller Peter Carey schickt einen unverwüstlichen Investigativreporter in die australische Hackerszene – die gerade die halbe Welt aus den Angeln hebt.

          4 Min.

          Wer brennt auf die Geschichte des abgehalfterten Investigativreporters Felix Moore, der sich „den kontroversesten Journalisten seiner Generation“ nennt, zwischen exzessiver Eigenliebe und ironischer Selbstverachtung schwankt und mit Kerlen verkehrt, die, gefährlich, gefährlich, „rohe Krabben hinter den Vorhangstangen eines Motels verstecken“? Wahrscheinlich am meisten er selbst. Moore hat nach einem verlorenen Prozess, der ihn um Ruf, Familie und Einkünfte gebracht hat, gerade den dicksten Fisch seines Lebens an der Angel, den er abgeschieden im australischen Busch auf seiner alten Olivetti-Schreibmaschine filetiert: die Biographie der Hackerin Gabriele Baillieux, die für ihre anarchischen Aktionen gegen Agro- und Chemiekonzerne hinter Gitter wanderte, aber nicht lange auf den selbstgenerierten Computerwurm warten muss, der ihr die Gefängnistür öffnet und nebenbei die digitale Infrastruktur der Vereinigten Staaten lahmlegt.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Sehr verlockend sind die erzählerischen Köder nicht, die der australische Schriftsteller Peter Carey in seinem Politthriller „Amnesie“ auslegt. Der Leser wird kräftig am Arm gepackt und in einen Strom von Ereignissen gerissen, die vor Bedeutung schier platzen. Man hört dem kleinlauten Prahl-Reporter trotzdem gern zu, weil die Tonbandaufnahmen, die er für die Biographie auswertet, seinen Blick zurück in die Geschichte der australischen Linken lenken, die, von der amerikanischen Politik erpresst und von der Labor Party im Stich gelassen, seit Jahrzehnten ihre Wunden leckt.

          Rückblick auf eine zerrissene Nation

          Der traumatische Schicksalstag ist der 11. November 1975, an dem die Nixon-Regierung den Rücktritt des australischen Premiers erzwingt, um Pine Gap, ihren australischen Lauschposten, über die weltpolitische Entspannung hinwegzuretten. Die australische Linke zerbricht darüber in eine nach außen kompromissfreudige, aber innerlich gebrochene politische Klasse und ihre enttäuschte Klientel. Der 11. November 1975 ist auch der Tag, an dem Gabriele Baillieux geboren wird, Tochter eines Labor-Abgeordneten und der Schauspielerin Celine Baillieux, mit der unser Reporter zu Studentenzeiten intim war.

          Der Rückblick nimmt dem Erzählton das Vorpreschende. Die wankelmütige Erzählinstanz wird zur Stimme unter vielen in einem Chor von Rückblenden und Erinnerungen. Die Darstellung der linksanarchischen Szene gelingt Carey vielschichtig und einfühlsam. Man begreift, warum der in seinen Berichtsgegenstand verwobene Chronist so wenig mit sich im Reinen ist. Ähnliche Zerrissenheit prägt die Lebensgeschichte von Gabriele Baillieux, die umsorgt und vernachlässigt zwischen zerstrittenen Eltern aufwächst und aus Enttäuschung über den politischen Wankelmut ihres Vaters in die Arme eines anarchistischen Hackermilieus flüchtet. Um ihre Auslieferung an die Vereinigten Staaten zu verhindern, soll Moore ihr eine Biographie schreiben, die sie zur unantastbaren nationalen Lichtgestalt werden lässt.

          Selbstjustiz des Hackers

          Das Datum 1975 ist für Moore die Brandnarbe seiner entehrten Nation. Die Schande zieht sich durch die Familien. Von amerikanischen Soldaten geschwängerte Frauen wie Celine Baillieux sind als Huren verschrien. Bis hin zum Erzähler ist die australische Linke ein Schattenkabinett doppelbödiger Figuren. Den Schreibauftrag erhielt Moore von einem ehemals maoistischen Immobilienentwickler, der sich als Spion des amerikanischen Geheimdienstes entpuppt. Ein Hackertrick befördert ihn ins Jenseits. Der ökologische Fundamentalismus des Anarchomilieus speist sich aus rassischen Reinheitsvorstellungen. Seine Hackerhelden umspielt Carey mit der in der linken Theorie geläufigen Zwittermetapher des Junge-Mädchens, der, die oder das den Identitätszwang der Warenwelt unterläuft. Sie ist jüngst von dem französischen Theoretiker-Kollektiv Tiqqun wieder aufgebracht worden, dem vorgeworfen wurde, in die Sabotage französischer Bahnleitungen verwickelt gewesen zu sein.

          Die sensibel geschilderten Begegnungen zwischen Vater und Tochter, Reporter und Mutter werden von Careys Vorliebe für erotische Metaphern durchkreuzt. Einen Kuss „ganz Asche und Whisky“ stellt man sich gerne vor, vielleicht auch „Haare wie vertrocknetes Gras, in dem wilde Tiere geschlafen hatten“. Doch wie hat sich der Leser ein „auf eine entzündete und hässliche Weise wie Paviansex“ angeschwollenes Augenlid oder „Soßenmischungsbeine“ zu denken? Und soll er Felix Moore dafür bewundern, dass er „nie mit einer Frau im Bett gelegen hat, ohne dass Sex zumindest möglich war“? Wer kann das nicht von sich sagen?

          Digitaler Imperialismus

          Die sexuelle Metaphorik setzt sich in die Hackerszene fort. Die phallische Eroberung des Cyberspace entfesselt den Rausch der Selbstermächtigung. Von den Nachgeborenen lernt der politische Veteran Moore, dass der Feind der Linken nicht mehr ein einzelner Staat ist, sondern eine Cloud aus Unternehmen, Kanzleien und Technologien, die der Erde und dem Leben die Wurzel abschneiden. Mit Antonio Negri und Michael Hardt: die Multitudes. Dazu gehört die Auslagerung der australischen Gefängnissicherheit an amerikanische Privatfirmen, die der Hackerheldin das Tor in die Freiheit öffnet.

          Die Parallelen zwischen Gaby Baillieux und Julian Assange liegen auf der Hand, zumal die Abhörstation Pine Gap, die von der NSA heute für ihre Lauschangriffe genutzt wird, im Zuge der Snowden-Affäre kurz wieder in die Schlagzeilen geriet. Doch Carey tut wenig, um seinen Weltverschwörungston zu beglaubigen. Die realpolitischen Einsprengsel bleiben aufs Jahr 1975 fixiert. Es fragt sich, warum die verdrängte (und titelgebende) Episode das Leben der Protagonisten bis heute derart bestimmt.

          Der verschleierte digitale Imperialismus wird mit Schlagworten wie Drohnen und Cybercrime flüchtig umrissen. Carey spielt hier ein zu großes Blatt. Er feiert mit seinen Protagonisten das Widerstandspotential der neuen Medien, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass dadurch nicht nur der blondgelockte Hackerengel, sondern auch mancher Schurke in die Freiheit gelangt, der seine Strafe verdient hat. Die widersprüchliche Figur des Hackers, der in eigengesetzgeberischer Regie vollenden will, was das politische Kollektiv nicht schafft, bleibt undurchschaut. Was schade ist. Zwischendurch hatte der nachdenkliche Aufschneider Felix Moore den Leser mit seiner Story gepackt.

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