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Heinz Strunks Roman „Jürgen“ : Für die Vollverschleierung der Welt

Eigentlich erträumt sich Jürgen ein normales Leben. Dazu fehlt noch die passende Frau. Auf seine Intuition verlässt er sich aber trotzdem nicht, sondern lieber auf Dating-Ratgeber. Bild: dpa

Heinz Strunk lotet mit seinem Roman „Jürgen“ aufs schönste aus, wie weit die Sprache trägt - wenn man sie denn einmal zu Wort kommen lässt.

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          Eigentlich hätte gar nichts mehr schiefgehen können: Jürgen hat tagsüber ausgiebig Körperpflege betrieben, er ist ausgeruht und hat sich ein paar Gesprächsthemen zurechtgelegt, damit der Abend mit der Unbekannten aus der Partnerbörse nicht langweilig wird, schließlich hat er auch noch die Heizung in seinem Zimmer auf volle Kraft gestellt, nur für den Fall, dass seine Verabredung noch auf einen Kaffee mitkommt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Vor allem aber hat er sich mit Bergen von Ratgeberliteratur eingedeckt und kennt jetzt alle Fallstricke und alle Geheimtipps für ein romantisches Treffen. Ein Spaziergang ist demnach besser als ein Kinobesuch, Lächeln ist immer hilfreich, solange kein Grinsen daraus wird, und insgesamt empfiehlt es sich, langsam und mit tiefer Stimme sprechen. „Wenn man also mit einer Frau zusammen ist, gilt es, einen klaren Kopf zu bewahren und die Situation zu analysieren: In welcher Umgebung befinde ich mich? Wie verhält sich die Frau? Was macht die Situation genau aus? Dann kann man aus den gewonnenen Erkenntnissen eine maßgeschneiderte Lösung schustern.“

          Sie lässt sich lieber volllaufen, als mit ihm zu flirten

          Trotzdem geht die Sache fürchterlich schief, weil sich Manu, Jürgens Date, lieber volllaufen lässt, als mit ihm zu flirten, und als er sie schließlich zur U-Bahn gebracht hat und eine Bilanz des Abends zieht, konstatiert er einen „einzigen Quälkrams“, wenn auch immerhin keinen „direkten Albtraum“. Am nächsten Morgen hat er die Sache, wie er sagt, „abgehakt“ und macht sich bereit für den nächsten Versuch.

          Heinz Strunk: „Jürgen“. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 256 S., geb., 19,95 Euro.

          Ändern wird er nichts, seine Bereitschaft, den Heilsversprechen der Ratgeber zu glauben, ist ungebrochen, und er verkündet deren Lehren so, als stammten sie aus eigener Erkenntnis oder eigener Erfahrung. Von Beginn an ist zwar klar, dass sich die Komik von Heinz Strunks neuestem Roman aus der Fallhöhe zwischen den Ratgebersprüchen und Jürgens Realität speist, aber erst im Verlauf der Handlung wird deutlich, welche Funktion sie für ihn einnehmen, wie sehr jede dieser wirren Analysen des Zwischenmenschlichen und die daraus folgenden Expertisen, was nun zu tun sei, seinen grundsätzlichen Optimismus bestärken, selbst wenn kein einziger dieser Tipps jemals zu etwas führt.

          Das gilt etwa für einen Speed-Dating-Abend, den er gemeinsam mit seinem missgünstigen Freund Bernd besucht, und auch für eine Busreise nach Breslau, wo angeblich bindungswillige Polinnen auf deutsche Männer warten – beworben wird der kostspielige Ausflug mit dem Slogan „Im Osten sind noch Herzen frei“. Auch dieses Desaster wird abgehakt, Jürgen und Bernd werden es nun eben mit einer Bekanntschaftsanzeige versuchen.

          Sprache nicht als Ton, sondern als Floskelgewitter

          Diese Geschichte einer Misere, die irgendwann einsetzt und ohne rechtes Ziel wieder endet, die, so ahnt man, für Jürgen einfach so weitergehen wird, die Schilderung jener paar Tage also ist die plakative Seite des Buchs, die auf bewährte Kleinkatastrophen aus dem Strunk-Kosmos setzt. Wer mit dem bisherigen Werk des Autors vor dem ganz anders gearteten Roman „Der goldene Handschuh“ vertraut ist, der wird, angefangen mit dem Protagonisten Jürgen Dose, einiges wiedererkennen und auch hier auf seine Kosten kommen.

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