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Nedim Gürsel: „Allahs Töcher“ : Stille Post zwischen Himmel und Erde

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Die Reakitonen in der Türkei sind heftig. Ist der Roman „Allahs Töchter“ nun eine Hommage an die Wunder des Islams oder reine Blasphemie?

          Auf dem langen Weg vom Schöpfer über die Propheten bis hin zu den Gläubigen geht es über die Jahrhunderte zu wie bei der „Stillen Post“. Nicht alles, was abgeschickt wurde, kam auch so an, und nicht alles, was zugestellt wurde, hatte den richtigen Absender, von den Sendungen in die andere Richtung ganz zu schweigen. Solche Fehler im Kommunikationssystem zwischen Himmel und Erde beschäftigen bis heute Heerscharen von Religionswissenschaftlern. Den Dichtern, die mit den Worten groß- und freizügiger umgehen, dienten diese Übertragungsfehler seit je als Nahrung für ihre Geschichten, die den ernannten Vertretern Gottes auf Erden wiederum nicht immer behagten.

          Ob wir ohne Religion auskommen können, sei dahingestellt, unbestritten ist, dass wir ohne die Erzählungen der heiligen Bücher ziemlich arm dran wären. In diesem Sinne ist Nedim Gürsels Roman „Allahs Töchter“, 2008 im türkischen Original erschienen, ein wunderbares Buch über den Glauben und ein sehr melancholisches über den Verlust desselben. Dass der seit den siebziger Jahren in Paris türkische Literatur lehrende Autor dafür in seiner Heimat der Blasphemie angeklagt wurde, ist hierzulande nur schwer nachvollziehbar, denn das Buch liest sich ganz und gar nicht als Kritik, sondern eher als eine Hommage an die Wunder des Islams, an seinen ästhetischen Zauber und die Kraft, die Religion verleihen kann.

          Entbehrlich, aber wunderschön

          Nedim Gürsel, der in Sachen Zensur und politischer Verfolgung schon unter der türkischen Militärregierung in den achtziger Jahren einiges einstecken musste und ins Exil ging, weiß sich heute immerhin in bester Gesellschaft, schließlich riefen auch die beiden anderen international bekannten türkischen Autoren Orham Pamuk und die in den Vereinigten Staaten lebende Elif Shafak mit ihren Büchern, die auf den armenischen Genozid anspielten, die türkische Justiz auf den Plan. Dabei wird in „Allahs Töchtern“ gar nicht der Koran kritisch hinterfragt, auch nicht das Leben des Propheten, wiewohl einigen Religionshütern schon die Darstellung Mohammeds als Mensch aus Fleisch und Blut missfallen soll, sondern - eher nebenbei - die Usurpierung des Glaubens für politische Zwecke wie Nationalismus und Krieg.

          Wie in einer filigranen Kalligraphie werden dazu zahlreiche Stimmen, Themen und Erzählzeiten, Legenden, Aufzeichnungen und Erinnerungen miteinander verbunden, stilistisch gekonnt zwischen Tradition und Postmoderne changierend: Da ist die vorislamische Zeit, jene Jahre des Übergangs der arabischen Stämme vom Poly- zum Monotheismus, die Geschichte des Aufstiegs eines mittellosen Waisenknaben zum Propheten und sein Kampf gegen die Götzenanbetung der Einwohner Mekkas. Die blutrünstigen heidnischen Kureysch beteten zu den drei in der Kaaba behausten Töchtern Allahs, Lat, Manat und Uzza, die ebenfalls ihre Stimmen im Kanon des Buches erheben.

          Mit den Religionen und den Romanen ist es wie beim Umzug in eine andere Wohnung, irgendeine Kiste muss immer noch mit und steht dann jahrelang unausgepackt in der Ecke, man könnte den Inhalt ja noch mal brauchen. In einer schwachen Stunde gibt der Prophet den vermeintlichen Einflüsterungen des Erzengels nach, die drei populären Göttinnen doch noch in die monotheistische Lehre einzubeziehen als Mittlerinnen zwischen Gott und Mensch, bis er bemerkt, dass die Worte nicht vom Herrn, sondern vom Teufel kamen, jene Verse also, die später als die „satanischen“ in die Religionsgeschichte eingingen und aus dem Koran getilgt wurden. Wir begegnen zahlreichen historischen Figuren, darunter dem Haudegen und Bonvivant Imruü’l-Kays, der nach Konstantinopel zog, um die von der Hure zur Kaiserin aufgestiegene skandal- und sagenumwobene Theodora zu verführen, auf dass ihm der eifersüchtige Herrscher, der ihn nie empfing, eine Jacke hinterherschickte, deren vergifteter Stoff den Barden und Dichter in einer Karawanserei elend verrecken ließ. Für die Architektur des Romans entbehrlich, aber wunderschön.

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