https://www.faz.net/-gr0-6u4y9

Mathias Énard: Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten : Dieses ewige Schwanken zwischen Ost und West

Bild: Berlin Verlag

Und wenn Michelangelo der Einladung des Sultans damals gefolgt wäre? Mathias Énard schickt den Bildhauer auf die verpasste Reise nach Konstantinopel und schreibt ein kleines, feines Buch über die manipulative Kraft der Geschichten.

          Wenn man dem Autor Glauben schenken darf - und es gibt bislang keinerlei Gründe dafür, dass man es nicht tun dürfte - dann hat er seine Geschichte in Rom gefunden. Genauer: in der Villa Medicis, in der Mathias Énard 2005 eine Weile zu Gast war. Eines schönen Tages schlenderte er dort gedankenversunken durch die Bibliothek, griff sich aus den Regalen, was ihm gerade gefiel, und stieß in einem Buch von Giorgio Vasari über das Leben von Michelangelo zuverlässig auf diesen einen Satz, in dem sich, für einen Augenblick nur, dem Künstler die Tür zu einer anderen, vollständig fremden Welt zu öffnen schien. Michelangelo, hieß es da sinngemäß, habe eine Einladung des Sultans von Konstantinopel erhalten. Darin lud der Herrscher den jungen Bildhauer ein, ihm beim Bau einer Brücke über das Goldene Horn zu helfen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer den Franzosen Mathias Énard ein wenig kennt, vor allem sein im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenes Werk „Zone“, der weiß, dass sein Innehalten an genau dieser Stelle der Lektüre einer gewissen Logik folgt. Énard ist ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber des Orients, er hat persische und arabische Literatur studiert, mehrere Jahre in Teheran und Beirut gelebt und später in Barcelona Arabisch gelehrt. Mittlerweile lebt er von dem, was er schreibt, wobei sein Schreiben immer wieder zu dem zurückkehrt, was ihn am meisten interessiert, zu den Stellen also, an denen sich Orient und Okzident berühren.

          Was, wenn Michelangelo doch ...

          In seinem neuen Buch, dem schmalen Werk mit dem seltsamen Titel „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“, heißt dieser Ort Konstantinopel. Wir schreiben das Jahr 1506. Konstantinopel gewöhnt sich langsam daran, dass die Türken, die die ehemals christliche Stadt vor einem guten halben Jahrhundert erobert haben, nicht mehr verschwinden werden. In Italien tobt die Renaissance. Der dreißig Jahre alte Michelangelo grollt dem Papst: Julius II., für den er ein Grabmal in der gerade entstehenden Basilika San Pietro errichten soll, hat das versprochene Geld nicht ausbezahlt. Wutentbrannt verlässt Michelangelo Rom und reist nach Florenz zurück. Dort angekommen, erreicht ihn die Note des Sultans Bayezid.

          Énards Geschichte beruht auf einer einfachen Verdrehung der historischen Tatsachen. Denn wir wissen, dass Michelangelo der Einladung in Wahrheit nicht gefolgt ist. Doch bei Énard besteigt er ein Schiff und segelt über das Mittelmeer, getrieben gleichermaßen von der Hoffnung, ein monumentales, die Welt veränderndes Bauwerk zu errichten, das Asien mit Europa verbindet, wie von der Aussicht auf den stattlichen Lohn, den der Sultan zahlen will. Michelangelo ist arm, er hat zwar den David geschaffen und Ruhm geerntet, aber er ist noch lange nicht der unangefochtene Meister der italienischen Künste, der er eines Tages sein wird. Im Geiste konkurriert er ständig mit dem Architekten Bramante, dem Künstler Leonardo da Vinci und dem Maler Raffael, die er allesamt für Stümper hält. Ihn treiben Ehrgeiz, Rache und Gier.

          Aus Florenz in die Arme einer Sklavin

          Diese allzu menschlichen Triebfedern seines Handelns hat Énard aus den Briefen destilliert, die Michelangelo zeit seines Lebens vor allem an Vater und Bruder geschrieben hat. Getreu dem Motto, dem Énard schon in „Zone“ gefolgt ist, hat er auch jetzt die Form für seine Erzählung in dem Thema und den Personen gefunden, um die es geht. „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ erinnert im Aufbau daher an Skizzenbücher und Notizhefte. Die einzelnen Kapitel sind kurz und episodenhaft, die Sätze oft elliptisch, die Beschreibungen präzise, aber nicht sehr tiefgehend. Wo „Zone“, dieses Epos über die gewaltgetränkte Geschichte Europas, atemlos daherkam, getrieben von einem Rhythmus, den Énard auf die Spitze trieb, indem er die mehr als fünfhundert Seiten mit (fast) einem einzigen Satz füllte, bietet das neue Buch formal das gegenteilige Programm. Mehr als einem Roman ähnelt es daher einem Conte, in dem sich Märchenhaftes mit Realem verbindet, wobei man sich an persische Liebesdichtung genauso erinnert fühlt wie an die französischen poèmes en prose.

          Wie gut er auch diese Form beherrscht, von der Énard selbst behauptet, sie sei viel schwieriger zu gestalten gewesen, zeigt sich an der Vielzahl der Konflikte und an der Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten, die sich in dem schmalen Buch auftun. Michelangelo selbst ist voller Hass gegen den Papst und gleichzeitig voller Furcht, als er sich ausmalt, wie Julius reagieren wird, wenn er erfährt, dass der von ihm beauftragte Künstler nun in Diensten eines muslimischen Herrschers steht. Er fremdelt in der Stadt mit ihren neuen Farben, den unbekannten Gerüchen, den Spuren der geringgeschätzten Religion. Anfangs voller Misstrauen, hegt er aber bald freundschaftliche Gefühle für einen Mann, der ihm zur Seite gestellt wurde: den Dichter Mesihi aus Pristina. Über diese - ebenfalls aus der Historie geborgte - Figur ist nicht viel mehr bekannt, als dass er ein Günstling des Großwesirs, dem Wein, den jungen Frauen und den jungen Männern zugetan war. Er wird Michelangelo durch die Stadt führen, in die Tavernen, auf die Bazare, an den Bosporus, auch in die Arme jener Sklavin, die einst aus Granada vertrieben wurde und sich nun als Tänzerin in Konstantinopel verdingt. Sie ist die dritte schillernde Figur in dieser Geschichte.

          Michelangelo kommt und geht als Fremder

          Nicht nur, dass sie Michelangelo durch ihre androgyne Schönheit, ihren Tanz und ihren Gesang zum Erröten bringt, und zwar so sehr, dass er ihre nächtliche Gegenwart immer wieder sucht, ohne jedoch je von ihr zu profitieren. Als eigenständige Erzählstimme in das Buch einfließend, berichtet sie ihm nachts auch von ihrer Heimat, aus der sie einst vertrieben wurde. Denn Granada ist erst vor kurzem von den Katholischen Königen Ferdinand und Isabella erobert worden, woraufhin der Sultan Bayezid Schiffe schickte, um all jene jüdischen und muslimischen Bewohner abzuholen, die sich weigerten, zum Katholizismus zu konvertieren. Mit der Tänzerin zieht somit eine dritte Religion, das Judentum, in die Erzählung ein. Mit ihr erst wird das schmale Buch gleichermaßen zu einer Geschichte über Toleranz wie auch - Énard bleibt sich treu - über die wechselvolle Geschichte des Mittelmeerraums, der zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts eine entscheidende Verschiebung seiner Machtverhältnisse erfährt.

          In diesem Sinn wird die Brücke, die zu bauen Michelangelo nach Konstantinopel gereist ist, natürlich zu einer über allem stehenden Metapher. Der offensichtlich drohenden Gefahr, mit diesem Bild in den Kitsch abzugleiten, weicht Énard jedoch geschickt aus. Sein Buch handelt weniger von gelungener Völkerverständigung als vielmehr von den vielen verpassten Gelegenheiten, die sich im Laufe eines Lebens zum Brückenbauen, zum Händereichen bieten. Michelangelo, so viel darf verraten werden, wird Konstantinopel nicht als gemachter Mann verlassen, sondern als der Fremde, als der er gekommen war. „Von Istanbul bleibt ihm ein diffuses Licht in Erinnerung, eine feine Süße mit einem Hauch Bitterkeit, eine ferne Musik, sanfte Formen, Freuden, an denen der Zahn der Zeit genagt hat.“

          „Sie werden dich verehren wie einen Gott“

          So liegt der große Reiz dieses Buches zum einen in der subtilen Raffinesse, die Énard beim Verweben der Fiktion mit der Historie beweist. Vor allem aber zieht es Kraft aus dieser Unsicherheit, die alle Orte, alle Figuren und mithin alle Zeiten durchzieht: „Die Stadt schwankt zwischen Ost und West wie er (Michelangelo) zwischen Bayezid und dem Papst, zwischen zärtlichen Gefühlen für Mesihi und der brennenden Erinnerung an eine bezaubernde Tänzerin.“

          Durch diese Unentschiedenheit, diese Ambivalenz, die nicht nur charakteristisch für die Figuren seiner Geschichte ist, sondern zugleich deren poetisches Programm darstellt, setzt Énard hinter sein eigenes Schreiben immer wieder ein Fragezeichen. Er erzählt eine Geschichte, die sich so hätte zutragen können - oder anders. Er erinnert daran, dass Geschichten jemanden brauchen, der sie entsinnt, weiterträgt und dadurch Macht ausübt. „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“, dieses titelgebende Zitat von Rudyard Kipling, ist Versprechen und Warnung in einem. „Erzähle ihnen von alldem, und sie werden dich lieben; sie werden dich verehren wie einen Gott“, heißt es an einer Stelle. Doch dem Göttlichen, das weiß Michelangelo, war noch nie zu trauen.

          Weitere Themen

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Kamala Harris : Patriotisch gegen Trump

          Kamala Harris ist die neueste Kandidatin, die 2020 gegen Donald Trump antreten will. Sie war die zweite schwarze Senatorin in der Geschichte des Landes und will als erste Präsidentin abermals Geschichte schreiben.

          Handball-WM : Kroatiens Wut auf die Schiedsrichter

          Deutschland spielt ohnehin dank des Publikums in der Kölner Halle quasi zu acht bei der Handball-WM: Die Kroaten monieren nach der 21:22-Niederlage, dass zudem die Schiedsrichter geholfen hätten.
          Charlotte Brontës junge Heldin war beim Blättern in einem Buch glücklich wie selten. Diese speziell dafür vorbereitete Ausgabe von „Jane Eyre“ lässt sich nach der Lektüre so falten, dass – wahlweise — eine Aufforderung oder eine Verlockung zu lesen ist.

          Erklärung von 130 Forschern : Zur Zukunft des Lesens

          Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig: Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa haben eine Erklärung zur Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung unterzeichnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.