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Mathias Énard: Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten : Dieses ewige Schwanken zwischen Ost und West

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Wie gut er auch diese Form beherrscht, von der Énard selbst behauptet, sie sei viel schwieriger zu gestalten gewesen, zeigt sich an der Vielzahl der Konflikte und an der Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten, die sich in dem schmalen Buch auftun. Michelangelo selbst ist voller Hass gegen den Papst und gleichzeitig voller Furcht, als er sich ausmalt, wie Julius reagieren wird, wenn er erfährt, dass der von ihm beauftragte Künstler nun in Diensten eines muslimischen Herrschers steht. Er fremdelt in der Stadt mit ihren neuen Farben, den unbekannten Gerüchen, den Spuren der geringgeschätzten Religion. Anfangs voller Misstrauen, hegt er aber bald freundschaftliche Gefühle für einen Mann, der ihm zur Seite gestellt wurde: den Dichter Mesihi aus Pristina. Über diese - ebenfalls aus der Historie geborgte - Figur ist nicht viel mehr bekannt, als dass er ein Günstling des Großwesirs, dem Wein, den jungen Frauen und den jungen Männern zugetan war. Er wird Michelangelo durch die Stadt führen, in die Tavernen, auf die Bazare, an den Bosporus, auch in die Arme jener Sklavin, die einst aus Granada vertrieben wurde und sich nun als Tänzerin in Konstantinopel verdingt. Sie ist die dritte schillernde Figur in dieser Geschichte.

Michelangelo kommt und geht als Fremder

Nicht nur, dass sie Michelangelo durch ihre androgyne Schönheit, ihren Tanz und ihren Gesang zum Erröten bringt, und zwar so sehr, dass er ihre nächtliche Gegenwart immer wieder sucht, ohne jedoch je von ihr zu profitieren. Als eigenständige Erzählstimme in das Buch einfließend, berichtet sie ihm nachts auch von ihrer Heimat, aus der sie einst vertrieben wurde. Denn Granada ist erst vor kurzem von den Katholischen Königen Ferdinand und Isabella erobert worden, woraufhin der Sultan Bayezid Schiffe schickte, um all jene jüdischen und muslimischen Bewohner abzuholen, die sich weigerten, zum Katholizismus zu konvertieren. Mit der Tänzerin zieht somit eine dritte Religion, das Judentum, in die Erzählung ein. Mit ihr erst wird das schmale Buch gleichermaßen zu einer Geschichte über Toleranz wie auch - Énard bleibt sich treu - über die wechselvolle Geschichte des Mittelmeerraums, der zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts eine entscheidende Verschiebung seiner Machtverhältnisse erfährt.

In diesem Sinn wird die Brücke, die zu bauen Michelangelo nach Konstantinopel gereist ist, natürlich zu einer über allem stehenden Metapher. Der offensichtlich drohenden Gefahr, mit diesem Bild in den Kitsch abzugleiten, weicht Énard jedoch geschickt aus. Sein Buch handelt weniger von gelungener Völkerverständigung als vielmehr von den vielen verpassten Gelegenheiten, die sich im Laufe eines Lebens zum Brückenbauen, zum Händereichen bieten. Michelangelo, so viel darf verraten werden, wird Konstantinopel nicht als gemachter Mann verlassen, sondern als der Fremde, als der er gekommen war. „Von Istanbul bleibt ihm ein diffuses Licht in Erinnerung, eine feine Süße mit einem Hauch Bitterkeit, eine ferne Musik, sanfte Formen, Freuden, an denen der Zahn der Zeit genagt hat.“

„Sie werden dich verehren wie einen Gott“

So liegt der große Reiz dieses Buches zum einen in der subtilen Raffinesse, die Énard beim Verweben der Fiktion mit der Historie beweist. Vor allem aber zieht es Kraft aus dieser Unsicherheit, die alle Orte, alle Figuren und mithin alle Zeiten durchzieht: „Die Stadt schwankt zwischen Ost und West wie er (Michelangelo) zwischen Bayezid und dem Papst, zwischen zärtlichen Gefühlen für Mesihi und der brennenden Erinnerung an eine bezaubernde Tänzerin.“

Durch diese Unentschiedenheit, diese Ambivalenz, die nicht nur charakteristisch für die Figuren seiner Geschichte ist, sondern zugleich deren poetisches Programm darstellt, setzt Énard hinter sein eigenes Schreiben immer wieder ein Fragezeichen. Er erzählt eine Geschichte, die sich so hätte zutragen können - oder anders. Er erinnert daran, dass Geschichten jemanden brauchen, der sie entsinnt, weiterträgt und dadurch Macht ausübt. „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“, dieses titelgebende Zitat von Rudyard Kipling, ist Versprechen und Warnung in einem. „Erzähle ihnen von alldem, und sie werden dich lieben; sie werden dich verehren wie einen Gott“, heißt es an einer Stelle. Doch dem Göttlichen, das weiß Michelangelo, war noch nie zu trauen.

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