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Martin Mosebach: Als das Reisen noch geholfen hat : Gewitter am Himmel der Ikonen

Bild: Hanser Verlag

Weltbürger und Lokalpatriot: Martin Mosebach nimmt uns mit zu seinen irdischen und literarischen Aufbrüchen. „Als das Reisen noch geholfen hat“ erzählt von Büchern, Orten und Fluchten. Vor allem der Osten zieht den Autor an.

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          Um über Frankfurt schreiben zu können, muss Martin Mosebach der Stadt erst einmal entkommen. Das zeigt nicht nur sein jüngster Roman „Was davor geschah“, der im Großbürgertum seiner Geburtsstadt spielt und doch ganz woanders entstand, nämlich in einem Kloster in Georgien, einem Ort also, der dem Taunus-Milieu ferner nicht sein könnte. Auch andere Werke des Büchnerpreisträgers sind aus der Distanz zu ihrem Sujet verfasst. Auf Capri schrieb Mosebach „Westend“, das in Indien spielende „Beben“ entstand im Schweizer Wallis, unlängst reiste er für ein neues Buch nach Sri Lanka.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Gerade den Schriftstellern muss es dabei viel eher noch als den alle Sprachgrenzen überwindenden Musikern oder Malern schwerfallen, sich künstlerisch zu entwurzeln. Der Autor nimmt ja nicht nur den Geschmack und die Sehweisen seiner Heimat im Gepäck mit, sondern vor allem sein ureigenes künstlerisches Ausdrucksmittel. Wer dagegen behauptet, nicht ein Land, sondern die Sprache sei Heimat, und zwar überall, der kann bei Mosebach nachlesen, wie diese dem Autor in der Fremde zum bedrohlichen Gefängnis werden kann: In den meisten Schriftstellerbiographien, so beschreibt Mosebach den „Dichter ohne Heimat“, spitze sich der „Kampf um die angeborene und doch ganz neu zu erfindende Sprache im Ausland zu“. Nicht immer muss er tragisch verlaufen, wie die Einzelfälle belegen, die Mosebach von Ovid über Dante bis zu Victor Hugo und Nabokov aufführt.

          Ohne Regenzeug ins Blaue

          Hinter all den Dichter-Emigranten, den Verbannten, Flüchtlingen und Weltbürgern erkennt er das Urbild aller Dichter, Homer, „von dem die Alten sagen, er sei heimatlos im Elend herumgetrieben gewesen, weil die neidischen Götter ihn für seinen Ruhm strafen wollten“. Und hier nun findet sich schließlich so etwas wie eine Verortung des flüchtigen Romanciers: Der Schriftsteller, der seine Heimat verliert, „kommt seiner Bestimmung näher“ - er verlässt seine Welt, um zu dem Ort zu gelangen, von dem aus er sie betrachten kann.

          Martin Mosebach verlässt seine Welt, wie man in seiner Textsammlung mit dem schönen, Handke variierenden Titel „Als das Reisen noch geholfen hat“ nachlesen kann, schon immer ohne Vorbereitung. Bereits in seiner „Wallfahrt nach Vierzehnheiligen“, die er als Student gemeinsam mit einem Kommilitonen unternahm, bekennt der Autor, dass auch damals sein Gepäck unzureichend war: „Keine Landkarte, planlos zusammengepackte Kleidungsstücke, kein Regenzeug, schlechte Schuhe.“ Bis zum heutigen Tag bereitet er, wie er neulich im Gespräch bestätigte, seine Reisen nicht vor: „Ich raffe ein paar Sachen zusammen und weiß auch meistens nicht so genau, wohin es geht.“

          Mit zweitausend Passagieren und einem Odysseus

          An welche Ecken und Enden der Welt es den vom Zufall geleiteten Dichter, Jahrgang 1951, in den vergangenen Jahren verschlagen hat, davon geben die Schriften auf fast fünfhundert Seiten sprachmächtig Auskunft. Wir folgen Mosebach auf Spaziergängen durch das muslimische und koptische Kairo, das 2004 nichts von den Vorgängen auf dem Tahrirplatz ahnt, dafür den Reisenden mit seinen verfallenen Häusern und Kaffeehäusern auf dem Friedhof befremdet. Im Frühling 2009 marschiert er durch die Revolutionsstadt Havanna; staunend, „wie prachtvoll die Stadt einmal gewesen sein muss“, und begeistert von der verzauberten Entrücktheit des Ortes fast ohne Straßenlaternen, Fernsehantennen, Verkehr. Auch wenn Mosebach das Vergangene bisweilen verklärt, bewahrt ihn seine ansteckende Neugier für Alltagsphänomene der Gegenwart vor restaurativem Kitsch. Er beschreibt die Dinge und Menschen mit einer merkwürdigen und für Reaktionäre, die meist Misanthropen sind, ganz untypischen Sympathie. Aber er macht sich keine Illusion über die Opfer. Der angedrehten Fröhlichkeit der havanesischen Salsa-Musiker misstraut er.

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