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Marquis de Sade : Der Skandalöseste aller Skandalösen

Das einzige verbürgte Bild des Marquis de Sade zeigt ihn um 1761 als Jüngling. Es hat manchen Interpreten an Cherubino denken lassen. Bild: Sammlung Megele/SZ Photo

Im Vergleich zu seinen Texten liest sich „Shades of Grey“ wie ein Pixi-Buch: Volker Reinhardt gelingt es in seiner Biographie dennoch, sich dem Marquis de Sade nüchtern anzunähern.

          5 Min.

          Der Fall des Marquis de Sade wäre eigentlich noch interessanter, hätte der Autor der „120 Tage“, der „Justine“ und der „Philosophie im Boudoir“ nicht selbst einen gewissen, im Vergleich zu den Beschreibungen seiner Texte freilich sehr bescheidenen Hang zu merkwürdigen sexuellen Séancen bemerken lassen. Man käme dann nämlich gar nicht in Versuchung, diese Texte auf Obsessionen ihres Autors zu beziehen, sondern könnte sie als souverän inszeniertes schwarzes Ideentheater lesen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Was sie ja auch sind, würden einige Verehrer de Sades hier gleich einwenden. Schließlich habe er zu Recht klargemacht, dass er mit den grausamen Libertins seiner Texte, die man ja zudem kaum unter Realismusverdacht haben kann, absolut nicht zu verwechseln sei. Bloß sei die „öffentliche Meinung“ - sie erlebte damals einen entschiedenen Aufschwung - von Anfang an bereit gewesen, seine sexuellen Eskapaden zu Schauermärchen auszugestalten, von denen es dann tatsächlich nicht mehr sehr weit zu in seinen Texten beschriebenen Taten war.

          Aber natürlich gilt auch: Wäre der Marquis nicht weiter auffällig geworden, gäbe es gar keinen Fall de Sade, wären die anstößigen Texte vielleicht nicht einmal entstanden, lägen sie heute nicht in stattlichen Editionen vor. Der Verschlingung von Biographie und Werk ist in dieser Wirkungsgeschichte einfach nicht zu entkommen. Der Umstand, dass de Sade mehr als ein Drittel seines langen Lebens hinter Gefängnis- und Anstaltsmauern verbrachte, wurde ja für seine späte Heiligsprechung von Bedeutung: als von allen Mächten - ob nun von der Monarchie, der Republik, der Revolution oder Napoleon - weggesperrtes Opfer oder, anders gewendet, als absoluter Rebell.

          Hochfahrend, jähzornig, unbedacht

          Der Fribourger Historiker Volker Reinhardt hat nun eine Biographie de Sades vorgelegt. Er kann sich dabei auf die beeindruckende Arbeit großer Sadiens wie Gilbert Lély oder Maurice Lever stützen und geht die Sache recht aufgeräumt an, auch mit schon bewiesener Geläufigkeit auf dem Feld der historischen Biographik, von Michelangelo über Machiavelli und Papst Alexander VI. Borgia bis zu Calvin.

          Der Vater seines nunmehr gewählten skandalösen Helden aus altem südfranzösischem Adelsgeschlecht hatte den Sprung an den Hof gewagt, doch nach recht passablen Anfängen verunglückte ihm später die Karriere. An der Ausbildung des 1740 geborenen Sohns wurde trotz klamm werdender Finanzlage nicht gespart: Donatien Alphonse François de Sade kam auf das von den Jesuiten geführte exklusive Collège Louis-le-Grand, mit vierzehn Jahren dann in ein nicht minder exklusives königliches Regiment. Der blutjunge Offizier zeichnete sich aus, ließ freilich auch bald erkennen, dass er nicht nur in der Schlacht ein Heißsporn war.

          Hochfahrend, jähzornig, unbedacht, machte er sich kaum Freunde, während der Vater unter der Aussicht auf immer höher werdende Ausgaben für Eskapaden des Sohne stöhnte. Immerhin ließ sich dann eine Heirat arrangieren, in welcher der alte Adelsname verrechnet wurde mit einer stattlichen Mitgift, aufgebracht von einer Familie jüngsten Amtsadels.

          Sodomie und Giftmord

          Es ist der Auftritt von Renée-Pélagie, nunmehr Marquise de Sade, eine blasse Figur zuerst, die aber später durchaus Kontur gewinnt; und natürlich ihrer Mutter, der Präsidentin de Montreuil, eine der großen Schwiegermütter der Literaturgeschichte, von Anfang an eine imponierende Akteurin, die alle Fäden zieht und gegen deren umsichtige Beziehungsarbeit der impulsive und jeder Vorsicht abholde Marquis keine Chance hatte. Noch freilich ist diese Feindschaft nicht erklärt. Der gewählte Schwiegersohn treibt es außerehelich zwar bunt und in allen Preislagen, aber solange das einigermaßen diskret geschieht, übt die Präsidentin ganz pragmatisch Nachsicht.

          Tanzt über Tische und Bänke: Geoffrey Rush als Marquis in Philip Kaufmans „Quills - Macht der Besessenheit“ (2000)

           Sie kommen freilich, die Skandale, und der junge Marquis will aus ihnen absolut nichts lernen. 1763 der Auftakt, die Séance mit einer Gelegenheitsprostituierten, von der er nicht nur sexuelle Dienste samt wechselseitigen Geißelungen verlangt, sondern die er auch zu blasphemischen Akten überredet. 1768 dann wieder eine wüste Geißelungs-Séance, deren Konsequenzen von der Präsidentin schon schwieriger zu beheben sind, und schließlich 1772 die Séance mit mehreren jungen Prostituierten und seinem Kammerdiener, bei der die verabreichten Bonbons mit zerriebenen „spanischen Fliegen“ zum Vorwurf des Giftanschlags führen.

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