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Marquis de Sade : Der Skandalöseste aller Skandalösen

Weil er es auch noch fertigbringt, gemeinsam mit seiner frisch aus dem Kloster gekommenen jungen Schwägerin zu flüchten, hat die für die Familienehre eintretende Präsidentin nun nur noch ein Ziel: das offizielle Todesurteil - wegen „Sodomie“ und „Giftmord“ (obwohl niemand starb) - kassieren zu lassen und ihren unbelehrbaren Schwiegersohn gleichzeitig durch direkten königlichen Haftbefehl dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen.

Monströser Sittenverderber

1778 ist sie am Ziel, der Marquis wandert zuerst nach Vincennes, später in die Bastille. Erst mit der Aufhebung der königlichen Lettres de cachet 1790 ist er wieder ein freier Mann: Louis Sade nunmehr, Schriftsteller, der als Theaterdichter vergeblich sein Glück versucht und anonym den Roman „Justine oder die Unglücksfälle der Tugend“ publiziert.

Aber es ist nicht die „Justine“, die ihm während der verabscheuten Terreur fast den Kopf kostet, obwohl er trotz seiner tiefen Verachtung für den revolutionären Mob sich als rühriges Mitglied einer radikalen Sektion einen guten jakobinischen Anstrich gegeben hatte. Zu nachdrücklich vielleicht, jedenfalls stehen alte Geschichten hinter einer Denunziation als Republikfeind, die schließlich das Todesurteil des Revolutionsgerichts nach sich zieht - dessen Vollstreckung er nur durch den Sturz Robespierres entgeht.

Um Jahre später, inzwischen Gegenstand heftiger Angriffe von allen politischen Seiten für seine anonym publizierten obszönen Bücher, doch noch als monströser Sittenverderber auf die Seite gebracht zu werden. Auch diesmal ohne Prozess, weil man das öffentliche Aufsehen fürchtet, sondern per Verwaltungsakt, der ihn 1801 für den Rest seines Lebens, immerhin noch dreizehn Jahre, um die Freiheit bringt.

Philosophische Pornographie

Volker Reinhardt erzählt die Lebensgeschichte auf den Spuren seiner Vorgänger routiniert. Maurice Levers Biographie aus den neunziger Jahren - auch auf Deutsch erschienen, aber lange schon vergriffen - wird man da zwar immer noch den Vorzug geben. Aber im Gegensatz zu Lever geht Reinhardt auch recht ausführlich auf de Sades Werk ein; und im Gegensatz zum Emphatiker Gilbert Lély tut er das nicht mit dem Gestus der rückhaltlosen Bewunderung, sondern nüchtern.

Weshalb sich der Leser mit ihm auch jene Fragen stellen kann, die für diese Sadiens entweder beantwortet waren oder außerhalb der biographischen Aufgabe lagen: Muss de Sade nun als großer Autor gelten? Und war er der „freieste Geist“? Vielleicht sogar der konsequente Aufklärer, der noch die letzten moralisch-gefühligen Deckmäntelchen zerfetzte? Der Rebell, der seinen Zeitgenossen vor Augen führte, was ihre Moral- und Terrorregime wert sind? Und dessen „Freiheit“ bestätigt oder doch eher widerlegt wird durch die Obsessionen der Blasphemie und der Iterationen seiner Lust-, Folter- und Tötungsszenarien?

Bild: F.A.Z.

Szenarien, die sich vor allem dem böse übersteigerten Spiel mit den Genres der philosophischen Pornographie und schlichterer Curiosa verdanken oder doch eher einer kompensatorischen Phantasie unter den Bedingungen abgeschnittener Handlungsmöglichkeiten? Und sind das, bedenkt man den Grund für de Sades Wegsperrung, überhaupt Alternativen?

Auslotung der Natur

Man darf nicht erwarten, bei Reinhardt bestechende Interpretationen zur Auflösung solcher Fragen zu finden. Aber seine manchmal fast saloppe Art des Resümierens und Nacherzählens hat den Vorzug, solche Fragen offenzuhalten. (Und wer über das Nacherzählen die Nase rümpft, der versuche einmal, sich durch die Fassungen der „Justine“ zu lesen!)

Das Grundmotiv, das Reinhardt immer wieder bemüht, nämlich de Sades reale wie literarische Choreographien der Lüste und Foltern als experimentelle Veranstaltungen zur Auslotung unserer Natur anzusehen - der Marquis verglich sich selbst in dieser Hinsicht immerhin einmal mit Galilei -, ist zwar wenig überzeugend, aber auch so allgemein gehalten, dass es den Blick kaum einschränkt.

Die französischen Neuerscheinungen zum nahenden zweihundertsten Todestag im Dezember werden ausweislich der angekündigten Titel eher ins hohe Register greifen. In der Bibliothèque de la Pléiade wird sogar zum ersten Mal ein Auszug aus einer schon vorliegenden Edition als eigener Band in limitierter Auflage erscheinen. Für de Sade bricht man alle Regeln, sorgt aber immerhin auch für einen Band, der den Briefschreiber de Sade vorstellt (bei dem man sich vom Erzähler de Sade gut erholen kann). Der deutsch-schweizerische Beitrag zum runden Todestag des „göttlichen Marquis“ kann sich da durchaus sehen lassen.

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