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KZ-Erinnerungen : Erzähl ihnen nichts, sie verstehen es nicht

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Fünfzig Familienmitglieder habe sie in der Schoa verloren. So beginnt sie zu erzählen: „Aber als wir - die wenigen, die überlebt hatten - in Paris strandeten, stießen wir auf eine Mauer des Schweigens.“ Man wollte nicht wissen, was geschehen war. Frankreich war beschäftigt. Das Land musste aufgebaut, eine Gesellschaft errichtet, die Helden der Résistance mussten gefeiert werden. Bitter erinnert sich Marceline Loridan-Ivens an diese „an Gedächtnisschwund leidende, antisemitische Nachkriegszeit“, die sich „ein heldenhaftes Frankreich erzählte, das jeder meiner Erinnerungen mit Verleugnung begegnete“. Und nicht zufällig zieht sie einen Vergleich zu heute, wenn sie sagt, kein Franzose wäre auf die Straße gegangen, wenn unter den Pariser Opfern im Januar dieses Jahres nur Juden gewesen wären. In dem Jahrzehnt zuvor seien Hunderte Anschläge auf jüdische Einrichtungen verübt worden, ohne große Reaktion.

Auch sie stürzte sich ins Leben

Doch nicht nur mit den Franzosen geht sie ins Gericht, sondern auch mit den Juden in Frankreich. So habe damals, als sie aus Auschwitz zurückkehrte, auch unter ihnen ein befremdliches Schweigen geherrscht, wie sie erzählt. Sie weiß, dass, wer dem Tod geweiht war, hart wird. Auch im Auffanglager am Boulevard Raspail gab es kaum Worte des Trostes. „Überleben macht die Tränen der anderen unerträglich.“ Dass sie ein Glückskind sei, hieß es allenfalls; sie habe schließlich noch Familie, die Mutter, vier Geschwister. Doch als die Sechzehnjährige halb verhungert, mit blutendem Bauch und traumatisiert aus Polen in Paris eintrifft, wird sie dort von niemandem empfangen. Und selbst als sie mit dem Zug nach Bollène weiterreist, in das Dorf, in dem ihre Familie in einem Schloss lebt, erwartet ihre Mutter sie nicht am Bahnsteig. „Stattdessen stand da mein Onkel“, erinnert sich Marceline Loridan-Ivens. „Er zeigte mir seine Nummer und sagte dann: ,Erzähl ihnen nichts, sie verstehen es nicht.‘“

Das wiederum verstand Marceline Loridan-Ivens nicht. Erst im Rückblick kann sie sich erklären, warum damals alle um sie herum um Normalität rangen: Es sollte um jeden Preis wiederaufgebaut werden, was verloren war. Zum Befremden der Auschwitz-Überlebenden wurde geheiratet, gesungen, es wurden Feste gefeiert, Kinder geboren. „Mit aller Macht wollten sie, dass das Leben wieder seinen Gang nimmt“, sagt Marceline Loridan-Ivens. Und auch sie hat sich ja auf ihre Weise nach dem Krieg ins Leben gestürzt. Sie hat die Nächte in den Intellektuellen-Cafés am Montmartre verbracht, später mit ihrem Mann wichtige Dokumentarfilme gedreht - über Vietnam, den Algerien-Krieg oder die Kulturrevolution in China. Und 2004 mit „Birkenau und Rosenfeld“ den ersten, hochgelobten Spielfilm inszeniert, der in Auschwitz gedreht werden durfte. Aber Kinder hat Marceline Loridan-Ivens nie bekommen. „Ich konnte nicht“, sagt sie. „Ich habe zu viele Kinder sterben sehen.“

Sie hat ihren Platz im Leben

Vielleicht lässt sich mit einer psychologischen Unwissenheit im Umgang mit Trauma-Opfern erklären, was Marceline Loridan-Ivens damals in Situationen brachte, die uns heute kaum vorstellbar erscheinen. Nur so kann man verstehen, wie absurd es ist, von einer jungen Frau, die Josef Mengele gegenübergestanden hatte und die bis heute kein Badezimmer mit Dusche betreten kann, zu erwarten, dass sie in den Alltag zurückfinden würde. Und dass ihre Mutter partout kein Verständnis dafür hatte, warum Marceline lieber auf dem Boden schlief, weil sie „die Bequemlichkeit eines Bettes nicht ertrug“. Die Mutter hätte sich ebenso gut zu ihrer Tochter legen können. Stattdessen fragte sie als Erstes, leise, ob sie im Konzentrationslager vergewaltigt worden sei. „War ich noch rein? Taugte ich für die Ehe? Genau das bedeutete ihre Frage“, erinnert sich die Tochter.

Sie sei ein fröhlicher Mensch, trotz allem, was uns widerfahren ist, schreibt Marceline ihrem Vater. Doch gute Nachrichten hat sie für ihn nicht. „Du liebtest dieses Land“, aber sie weiß nicht, ob das „auf Gegenseitigkeit beruhte“. Und gern wollte sie ihm berichten, „dass wir, nachdem wir in den Horror gestürzt waren und vergeblich auf deine Rückkehr gewartet hatten“, wieder gesund geworden sind. „Aber ich kann es nicht.“ Ihre Familie ist daran zerbrochen, „sie hat es nicht überlebt“. Zwei ihrer Geschwister nahmen sich später das Leben. „Sie hatten die Lagerkrankheit, ohne je dort gewesen zu sein“, sagt Marceline Loridan-Ivens. Letztlich sind sie am Unausgesprochenen gestorben, weil ihnen die Worte des Vaters fehlten, die ihnen hätten zeigen können, wo ihr Platz in dieser Welt ist. „Ich habe einen“, sagt Marceline Loridan-Ivens: „Ich bin die Überlebende.“

Noch heute zuckt die kleine Frau zusammen, wenn sie das Wort „Papa“ hört. Aber sie hat lauter kleine Dinge von ihm, die nur ihr gehören. Seine letzten Schritte, seine letzten Worte, seine letzte Botschaft - auch wenn sie sich nicht an deren Inhalt erinnern kann.

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