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Rolf Lappert auf der Shortlist : Literatur von Männern für Männer

Immer diese soziale Kälte: Nahaufnahme zweier Schneeflocken Bild: Picture-Alliance

Wenn schon kein anderer zuschlägt, schlägt man sich doch lieber selbst: Der Buchpreis-Kandidat „Über den Winter“ von Rolf Lappert ist übervoll mit stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit.

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          Wer Rolf Lapperts drei nach seiner längeren Schaffenspause veröffentlichte Romane betrachtet, findet darin Variationen eines Motivs: der einsame Wolf, der doch ohne seine Familie nicht auskommt. So ergeht es Wilbur in „Nach Hause schwimmen“ (2008), der bei seinen Großeltern in Irland erstmals eine Heimat findet. So irrlichtert auch der Protagonist Tobey „Auf den Inseln des letzten Lichts“ (2010), um seine Schwester wiederzufinden. Seine Vollendung findet dieses Motiv nun in Lapperts aktuellem Roman „Über den Winter“, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht. Auch „Nach Hause schwimmen“ schaffte es bis dorthin, wurde aber nicht ausgezeichnet.

          „Über den Winter“ ist nicht das stärkste Buch des 1958 geborenen Schweizers. Es ist übervoll mit stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit. Da fallen gleich zu Beginn Sätze wie aus einem drittklassigen Western: „Seine Uhr hatte er vor Wochen beim Kartenspiel verloren.“ Im Bahnhofsviertel droht dauernd eine Schlägerei, und wenn schon kein anderer zuschlägt, schlägt man sich doch lieber selbst mit den Fäusten ins Gesicht, weil man gerade wehleidig zu werden droht und bereits ein Schluchzen hörbar geworden ist. Rolf Lappert, so viel ist schon nach wenigen Seiten klar, schreibt Bücher der Kategorie „Von Männern für Männer“. Oder für Frauen, die sich an ausgelutschten Darstellungen von Virilität noch erfreuen können.

          Kunst unter Skrupeln

          Der einsame Wolf ist diesmal Lennard Salm, ein Künstler, der sich in Gesellschaftskritik übt: Erwähnt wird eine seiner Aktionen in einer Berliner Galerie, „wo er mit Hilfe eines Pferdes von einem nahezu zugefrorenen See Eisbrocken herbeischleppte, diese über dem Feuer eines lärmenden und stinkenden Ölbrenners zu Wasser schmelzen ließ und mit dem Dampf eine Turbine antrieb, deren Strom einen Kühlschrank dazu brachte, Eis zu produzieren“. Sein Kunstbegriff trennt ihn von seiner Verwandtschaft, zumindest bildet er sich das ein. Also mäandert Salm allein durchs Leben. Zu Beginn des Romans ist er neunundvierzig Jahre alt und lebt im Ferienhaus seines Mäzens Wieland, mit dem ihm eine etwas einseitige Freundschaft verbindet. Das Haus liegt in einer Urlauberkolonie an der Mittelmeerküste, deren Villen Namen tragen wie „Dream of Dresden“ und „Mannheim Mansion“. Am Strand werden die Habseligkeiten ertrunkener Flüchtlinge angespült, die Salm sammelt und in ein Kunstwerk verwandeln will - unter Skrupeln zwar, aber dennoch.

          Als ihn die Nachricht vom Tod seiner älteren Schwester erreicht, reist Salm zu seiner Familie nach Hamburg. Dort trifft er auf seine jüngeren Geschwister Paul und Bille, die sich als Streber und Hippiebraut umschreiben lassen, auf seinen gebrechlichen Vater und seine inzwischen in Malibu lebende, unnahbare Mutter. Diese Konstellation birgt jede Menge Sprengstoff - doch die Geschichte spielt in Norddeutschland: Da erträgt man einander zunächst stoisch, erst später gelingt immerhin eine gewisse Annäherung.

          Mit der Brechstange wiederbelebt

          Nebenfiguren zu charakterisieren mit ein paar starken Strichen, an der Grenze zur Karikatur: Das beherrscht Rolf Lappert perfekt. So heißt es über kulturbeflissene Bekannte der Familie: „Nach Jahrzehnten der Gegenwehr erschöpft und verbittert geworden, begegneten sie dem Verfall der Kultur mit Dünkel, durch den sie sich aus der geistlosen Masse herausgehoben zu fühlen schienen wie Adelige in einer Sänfte.“ Salms Schwester wird zwar viel zu spät, aber irgendwann dann doch treffend beschrieben mit „ihren Vergangenheitsbewältigungen, ihren Simon-and-Garfunkel-Kassetten, ihren kandierten Ingwerstücken und mitternächtlichen Joints“. Andererseits gibt es viele lieblos träge Sätze, die selbst ihr Stakkato nicht in Schwung bringt. Die Geschichte droht gelegentlich zu ersterben und wird von Lappert zweimal mit der Brechstange wiederbelebt: Erst schießt in dem Theater, in dem Bille arbeitet, ein Schauspieler beim Vorsprechen um sich. Später steht mitten in Hamburg plötzlich ein herrenloses Pferd im Hinterhof. So seltsam willkürlich tauchen die Dinge auf, dass auch ein Besuch von Marsianern bei der Testamentseröffnung in die Nähe des Vorstellbaren rückt.

          Obwohl Salm schließlich zu seinem Vater zieht und wieder eine enge Bindung zu seiner Schwester aufbaut, ist „Über den Winter“ alles andere als eine sentimentale Liebeserklärung an die Familie. Manche Risse lassen sich nicht kitten, andere wachsen so überraschend schnell wieder zu, dass es wirkt, als hätte es nie eine Differenz gegeben. Da lässt Lappert sich erzählerisch viel entgehen, denn das Verhältnis der Figuren zueinander entwickelt sich kaum. Zwischen einigen Glanzpunkten herrscht Ödnis. Fast zu harmonisch gleitet Salm wieder ins Familienleben hinein und fährt sich dort in aller Gemütlichkeit fest. Am Ende ändert er sein Leben, was völlig irrelevant wirkt: Der einsame Wolf streift künftig eben durch andere Gefilde.

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