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Junge Autoren dieses Herbstes : Wenn junge Männer aus der Watte kriechen

  • -Aktualisiert am

Das Buch lässt vor allem reflektierte Distanz zu seinem Thema vermissen. Das äußert sich besonders an den Stellen, an denen Jonas Olga tatsächlich aus seinem Reisetagebuch vorliest. Mag ja sein, dass sie ihn darum bittet. Für den Leser bleiben diese Passagen dennoch ein Ärgernis, weil einfach nichts so langweilig ist wie die Reisetagebücher, Reisefotos und Reiseerinnerungen anderer Leute. Erst wenn man sie ausreichend verfremdet, wird zuweilen ein schönes Buch daraus.

Wie weit sich gerade diese Verfremdung treiben lässt, ohne dass der literarische Rahmen wegen Überlastung zerspringen muss, zeigt der Debütroman „Das große Leuchten“. Sein Autor Andreas Stichmann hat einen Auszug daraus beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgetragen. Der wurde zwar überwiegend gelobt, bekam letztlich aber keinen Preis, was schade ist, denn er hätte die mit einer Auszeichnung einhergehende Aufmerksamkeit verdient.

Stichmann, 1983 in Bonn geboren und am Leipziger Literaturinstitut ausgebildet, lässt die Grenzen realistischen Erzählens weit hinter sich und ersinnt eine Geschichte, von der sich oft nur schwer sagen lässt, auf welcher Ebene sie gerade angesiedelt ist: Ist es wirklich geschehen, dass Rupert, der jugendliche Held dieses Romans, seine Hippie-Mutter mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne findet? Vermutlich. Richtig ist wohl auch, dass dieser Rupert danach bei seinem Freund Robert und dessen Mutter unterkommt, dass er dort, irgendwo auf dem Land, wo die Rapsfelder blühen, ein Mädchen namens Ana trifft und mit ihr durchbrennt.

Roadmovie durch zwei Welten

Was dann beginnt, ist ein kleines Roadmovie, und zwar wiederum auf doppelter Ebene: Rupert und Ana, die beiden mittellosen Ausreißer, finden in einer heruntergekommenen Wohnwagensiedlung am Rande einer Großstadt Unterschlupf. Dort, das gehört einfach immer dazu, haben sie Sex, treffen auf verlorene Gestalten und träumen von einer bürgerlichen Existenz - wenigstens Rupert tut das.

In einer Schlüsselszene des Romans, genau in der, die Stichmann in Klagenfurt vorlas, bricht Rupert in ein Haus ein. „Die Wohnung, die wir uns damals rausgesucht hatten, lag im Erdgeschoss, im normalsten Wohnblock der Welt, der aber zugleich der schönste Wohnblock der Welt war, wenn man ein Auge dafür hat.“ Rupert benimmt sich hier nun aber nicht wie ein normaler Räuber, er bestaunt vielmehr die schlichte Schönheit der spießbürgerlichen Existenz, die Schlüssel im Apothekerschränkchen und die mit Bleistift an der Küchenwand festgehaltenen Wachstumsschübe des Kindes. Schließlich phantasiert er sich selbst in diese Familie hinein, er probt ein normales Lehen, oder besser: Er kostet in Gedanken davon.

Das alles aber wird im Rückblick erzählt. Was die Geschichte in der Gegenwart vorantreibt - im steten Wechsel mit den Episoden aus der Vergangenheit erzählt -, ist der zweite Teil des Roadmovies, der in Iran spielt. Denn irgendwann ist Ana verschwunden, Rupert vermutet sie auf der Suche nach ihrer Mutter in Teheran. Dorthin reist er ihr nach, lässt sich von einem schlauen Derwisch als gequälter Dummkopf beschimpfen und findet am Ende heraus, dass doch alles ganz anders ist, als er dachte.

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