https://www.faz.net/-gr0-73cpn

Junge Autoren dieses Herbstes : Wenn junge Männer aus der Watte kriechen

  • -Aktualisiert am

Nun ist das Buch von Kevin Kuhn aber keines über einen Jungen, der sich einfach in virtuellen Sphären verliert. Es ist ein Roman, der das Ineinanderfließen dieser Welten auf mehreren Ebenen imitiert: Als Tills Eltern ihm irgendwann doch die Heizung abdrehen, um ihn zur Aufgabe zu zwingen, erfriert auch in „Welt 0“ alles Leben. Und als Till sein Experiment eines Tages tatsächlich beenden muss, findet er einen Weg, sich vor der Entscheidung für die eine oder die andere Welt zu drücken.

Mit anderen Worten: Kuhn vereint zwei Daseinsformen miteinander, eine virtuelle - die man früher auch als eine märchenhafte hätte bezeichnen können - und eine reale, und spiegelt deren Ineinandergreifen geschickt in einer Erzählhaltung, die ständig zwischen den Innenansichten des Ich-Erzählers Till und der Übersicht eines auktorialen Erzählers schwankt. So lösen sich alle Grenzen auf und geraten letzte Gewissheiten ins Wanken. Und so wird aus einem sehr gewagten Experiment ein Debütroman von erstaunlich sicherer Intensität.

Weit weniger Risiko ist ein anderer Debütant eingegangen. Jan Sprenger, Jahrgang 1978, lebt seit ein paar Jahren im chinesischen Xi’an, wo er am dortigen Goethe-Institut arbeitet. Wie er nach China gereist ist, können wir nicht wissen, und strenggenommen tut das auch gar nichts zur Sache. Doch sein Roman „Kirgistan gibt es nicht“ liest sich, als handelte es sich um eine leicht abgewandelte Version eines Reisetagebuchs. Man wird einfach den Gedanken nicht los, dass da jemand der Meinung war, jedwede persönliche Erfahrung reiche aus, um aus ihr einen Roman zu machen, und sei es auch eine gewöhnliche Reise, eine Art Grand Tour, wie sie junge Menschen zu Bildungszwecken schon immer gern unternommen haben.

Jonas, der junge Mann, um den es hier geht, erzählt seinen Lesern von Olga, einer jungen Russin, die er in Bischkek getroffen hat. Man reist gemeinsam zum Issyk-Kul, einem großen See in Kirgistan. Dort treffen die beiden andere Backpacker, übernachten in Hostels, baden im See und haben Sex.

Zwischen Langeweile und Verfremdung

Jeder scheint sich hier in einem Zustand des Wartens häuslich eingerichtet zu haben, auch Jonas beschäftigt sich vor allem damit, zu beobachten, wie die sehr langsam vergehende Zeit ihn und die anderen verändert - sprich, ob Olga ihm eher mehr oder weniger zugetan ist. Strenggenommen reist Jonas gar nicht, er bewegt sich nicht frei, er lauert und passt sich an. Er besticht durch Phlegma und Feigheit, bevor er ganz zum Schluss plötzlich eine Entschlossenheit zeigt, die sich in nichts von dem, was auf den zweihundert vorangegangenen Seiten geschah, angekündigt hat und einem Deus ex Machina gleich in seine Glieder fährt.

Das Ganze ist nicht nur zu lang geraten und mit Sätzen gespickt, auf die man besser verzichtet hätte (und die ein guter Lektor streichen müsste), wie etwa: „Eine lange Reise verändert den Blick auf Dinge und Menschen“ und „Das Glück einer Reise ist der Zufall, das, was nicht im Reiseführer steht, weil es nicht gesucht, sondern nur gefunden werden kann“.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.